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Sardinien - Biking im Nuraghenland:

Sagenhafte Trails auf “Gottes kleinem Kontinent" 

Sardinien ist nicht nur sagenhaft, sondern auch sagenumwoben:

Als der “liebe Gott" die Schöpfung fertiggestellt hatte, war ihm noch ein wenig an Gestein und Gestrüpp verblieben. Dies warf er alsdann ins Meer und trat es mit einer flammenden Sandale fest. So formte er einst das Vulkanland Sardinien - “Ichnusa" (altgriechisch für “Fußabtritt"). Indem er von allem bisher Geschaffenen etwas Besonderes weg- und dann diesem Eiland behutsam hinzudachte, vollendete Gott nach und nach sein letztes Meisterwerk: weite Flächen mit tief eingeschnittenen Schluchten waren entstanden, immergrüne Wälder mit Mastixsträuchern, Kork- und Erdbeerbäumen, auch Palmen, Safranfelder und Olivenhaine; dichtbewachsenes Weideland für Schafe, Ziegen und Kühe, stille Flüsse mit fischreichen Gewässern, wilde Sturzbäche an bizarren Felsformationen neben einzelnen, grob umherliegenden Gesteinsbrocken, und nicht zuletzt windgeschützte Buchten für Seefahrer …
So nun besagt es die Legende.

Denkt man an die zweitgrößte Mittelmeerinsel, hat man tatsächlich primär türkisblaues Wasser an meterhohen Sanddünen strandend vor Augen;

es sind Gedanken an Küstenregionen, wo sich teils prunkvolle Häfen mit kleinen Badeörtchen und Fischerdörfern abwechseln. Reizvoll ist vor allem das Landesinnere, dem sich die Sarden als Nicht-Seefahrervolk schon seit jeher mehr zuwandten. Majestätisch die Hauptkulisse der spektakulären Inselvielfalt, die man per Mountainbike wohl so differenziert wie kaum ein anderes Eiland durchqueren kann. Rund um den mit 1.834 m höchsten “Punta La Marmora" präsentiert sich im Gennargentu-Gebirge eine abwechslungsreiche Seen-, Fluss- und Gebirgsformation inmitten der längsten und größten Schlucht im mediterranen Raum: Spätestens dort fühlt man sich als Biker im Garten Eden angelangt.

Sardinien ist für uns Biker pure Urwüchsigkeit: ein Land mit Tausenden von Singletrails

und verwundenen Bikepfaden, das einem seine Landschaft in steter Wechselfolge teils total verschließt, teils großzügig freigibt: als Labyrinth von Schmalwegen, umsäumt von dornigem, Spitzkehren versperrendem Gestrüpp, wo der flowige Walddownhill nicht selten mit spaßreichen, kniffeligen Slalomfahrten durch ausgewaschene Rinnsale überrascht. Flussbettpassagen durch diffizil glitschiges Gestein, welches man in der Costa Verde gleich 21-mal kreuzt. Wege mit hochalpinem Charakter wechseln mit sanften Höhenrücken. Anstrengende kurze Klettereinheiten findet man genauso wie alte, ehemalige Schienenstrecken einst verlaufener Eisenbahnlinien. Diese bescheren dem Biker, vorbei an nostalgischen Tunnels, eine ungewöhnliche Streckenführung bei erhabenen, unverwechselbaren Blicken ins Hügelmeer.
Keiner dieser Wege ist markiert oder etwa ausgeschrieben, steht doch Sardinien noch immer am Anfang einer touristischen Bike-Sensation; dort schätzt man einen Insider an seiner Seite mehr denn je, dort wird der sich öffnende Trail zum Faszinosum, so wird das einem frisch zuteil gewordene Guiding zur dankbar angenommenen Erweiterung des Bikehorizonts.

Sardinien ist auch ein historisches, riesiges Freilichtmuseum: hier biked man entlang einer kaum überschaubaren Vielzahl an beeindruckenden Kirchen, Tempel und sogenannter Nekropolen in Form von kolossalen Felsen- und Gigantengräberorten.

Knochenfunde sind wertvolle Zeitzeugen von Besiedelung die bis 300.000 Jahre zurückgeht. Stets ist allgegenwärtig, dass Sardinien neuzeitlich seit dem im 6. Jhdt. v. Chr. einsetzenden “punischem Zeitalter" wie kaum ein anderes Land vielen wechselnden Kulturen ausgesetzt war und geprägt ist von Einflüssen immer neuer Eroberer: hauptsächlich Römer, Byzantiner, Araber, Spanier und Italiener beeinflussten das Land.
Und doch scheint der sardische Stolz nicht gelitten zu haben; die Sarden bewahrten trotz historischer Schwierigkeiten ihre Identität, sie verfügen nicht nur über spezifische Dialekte, sondern über eine eigene, dem Latein sehr nahe, markante Sprache, die immerhin noch 80 Prozent aller Sarden beherrschen. Auch die Brauchtumspflege in Form von Trachten, Volksfesten, Prozessionen und ca. 1.000 landestypischen Feierlichkeiten ist den Sarden ebenso eigen, wie deren Erhabenheit: Denn der Sarde, so sagt man, beugt den Kopf nicht gern. Er pocht auf seine Unabhängigkeit und er lebt seine Gelassenheit nach dem Motto: “kentu konkas, kentu berittas" (“hundert Köpfe, hundert Mützen" im Sinne von “leben und leben lassen").

Die ganze Insel beherrschend findet man als d i e prähistorischen Zeitzeugen schlechthin im Schnitt alle drei Quadratkilometer eine Nuraghe:

diese Nuraghen gelten in Art und Umfang als einzigartig, sie sind die größten und besterhaltenen megalithischen Denkmäler in ganz Europa. Bis heute hat man noch keine Erklärung für ihre Existenz gefunden. Die gleichnamige Nuraghen-Kultur dauerte mehr als 1.000 Jahre und blieb zunächst auch von späteren Besatzern im Kern unangetastet.
Doch wozu genau dienten nun ursprünglich die imposanten Steinwehrbauten mit mehreren kegelförmigen Türmen, die zahlreich - bis zu 8.000 Stück, einst wohl an die 20.000! - errichtet wurden. Kreisförmig angelegt, ohne Mörtel befestigt, seit bald 4.000 Jahren schon vorhanden. Wie nur gelang es den Nuraghern, die tonnenschweren Gesteinsblöcke von “Su Nuraxi" auf eine Höhe von 20 Metern aufzutürmen? Warum waren - und wie wurden - die Kolossbauten nahezu allesamt nach deren Zerstörung großflächig mit Erde überdeckt? War Sardinien einst Teil der “Säulen des Herakles"? Ob es sich hierbei gar um das legendäre “Atlantis" handelt, das Platon dereinst vermutete? Riten und religiöser Bezug, Zweck und Funktion der Nuraghen bleiben mysteriös. Fest steht, dass hier die am höchsten entwickelte Bronzekultur des Mittelmeerraumes vorherrschte. All dies sind Fragen und Fakten, die sich dem Betrachter der steinernen Bollwerke stets aufs Neue mit Nachdruck präsentieren; dann mit willkommenem Bike-Stopp, da meist auf einer Anhöhe, immer im schwer zugänglichen Gelände errichtet.

Die Trails und Pfade, die sich vor allem durch die Hochebenen ziehen, wurden einst und bis heute von den Hirten genutzt, wenngleich nun das Geländemotorrad dazu dient, nach den Herden zu schauen.

Sitzt man entspannt beim Bike-Picknick und flirrt die Mittagshitze über den ausgebleichten Kalksteinen, während man lediglich das Surren der Zikaden vernimmt, kann man sich gut in die Zeit versetzen, als weniger das Fernsehen oder die Moderne, sondern vielmehr Traditionen die Hochebenen beherrschten. Dann scheint die Zeit stillzustehen. Heutzutage hat Sardinien mit Landflucht zu kämpfen, viele Junge zieht es ins Ausland, die traditionelle Landwirtschaft kann nur noch wenige gut ernähren. Heute kommen auf einen Sarden rechnerisch vier Schafe, wobei das Land gut ein Drittel der Größe Bayerns bei einem Zehntel an Einwohnerschaft aufweist.

Sardinien steht nicht zuletzt auch für “sagenhaft Schlemmen“!

Für Feinschmecker ist das Leben in Sardinien ein Genuss. Kein Wunder, dass der Biker, der am Agriturismo-Bauernhof gastiert, so auch zum Feinschmecker wird. In Sardinien wird frisch gekocht: mit den Zutaten der Jahreszeit, des Landes wie des Mittelmeers. Da locken viele Sorten von duftendem Brot, das frisch aus dem Ofen kommt, herzhaftes Fleisch am Spieß, über dem offenen Feuer gebratene, fangfrische Meeresfrüchte, geräucherter Wildschweinschinken, variantenreicher Pecorino sowie Obst und Gemüse direkt aus dem Garten - dazu ein vollmundiger Wein. Nirgendwo übrigens leben mehr 100-Jährige als auf Sardinien - und wie eine Studie bewies: Es liegt nicht an den Genen, sondern an der einfachen Lebensführung. Wohl daher stammt auch das Sardische Sprichwort: “Sa domu est minore, sa coru est mannu" (das Haus ist klein, das Herz ist groß). Sardische Genügsamkeit tut gut! Ich schließe die Augen und meine Gedanken streifen zurück. Die Küste …, die Berge …, die Nuraghen …, diese Trails …! Sardische Kost …? Mein Herz pocht, und mein Appetit nach einer Rückkehr ist riesengroß!

Autor & Bildmaterial ©2010, M.Wössner

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