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Mount Cameroon - der Götterberg

Erkundungsbericht von unserer Afrika-Spezialistin Cornelia Böhm 

Der höchste Berg Westafrikas

Mongo ma loba? Fako? Mount Cameroon? Alles Namen für denselben Berg. Doch die wenigsten Bergsteiger kennen auch nur einen davon. Zumindest ist die Bezeichnung Mount Cameroon ein Hinweis auf seine Lage: Kamerun. Mit stolzen 4.095 m ist er der höchste Berg West- und Zentralafrikas. Einen beeindruckenden Gipfelaufbau sollte man aber nicht erwarten, sonst ist die Enttäuschung groß. Denn beim Mt. Cameroon handelt es sich um ein Vulkanmassiv, um einen immer noch aktiven Schichtvulkan. Der letzte Ausbruch war vor elf Jahren - 2000. Auf einem Hot Spot gelegen, dem auch die Inseln Sao Tomé und Principe ihr Dasein verdanken, erhebt sich der Berg an der Küste Kameruns unweit des Städtchens Limbe.

Im Kampf mit den Wolken

Wir steigen von Buea aus auf, einem Ort an der Ostseite des Berges. Der Bismarck-Brunnen vor dem Postamt und der deutsche Friedhof sind Zeugnisse aus der Zeit der deutschen Schutztruppe. Buea war einst Verwaltungssitz der Deutschen Kolonie Kamerun. Aber uns geht es nicht um Geschichte, uns geht es um den Gipfel. In teilweise sehr steilen Etappen - Serpentinen scheinen in Kamerun als Zeitverschwendung zu gelten - führt der Weg schnell hinauf. Jährlich findet hier der Marathon “Race of Hope" statt. Die Rekordzeit für den Auf- und Abstieg liegt bei 4,5 Stunden. Diesen Ergeiz haben wir nicht. Trotzdem gestaltet sich der Aufstieg als Wettlauf, und zwar mit den Wolken. Nur in aller Herrgottsfrühe lässt sich der Berg sehen, dann ist er hinter einer Wolkendecke versteckt, die es beim Aufstieg zu durchbrechen gilt. Es artet zum täglichen Kampf aus: Wer erreicht zuerst den Campplatz - die Nebelschwaden oder wir? Dass sich der Berg oft in Wolken hüllt, ist nicht weiter verwunderlich. Mit 11.000 mm Niederschlag gehört er zu den regenreichsten Gebieten der Erde.

Lieber Zelte statt Hütte

Die Besteigung beginnt im Farmland. Im weichen Gras wandern wir an Ölpalmen und Kautschukplantagen vorbei. Bald wird das Gelände steiler, der Weg breiter. Nicht lange und der Regenwald ist erreicht. Der Urwald ist durchbrochen von Bananenpflanzungen, die durch Brandrodung dem Dschungel abgerungen wurden. Farn wächst meterhoch in den Himmel und die Brettwurzeln der Urwaldriesen reichen manchmal bis zur Hüfte. Flechten und Moose spannen sich über Äste wie in einem Zauberwald. Zwar ist durch die hohe Temperatur und Luftfeuchtigkeit die Etappe schweißtreibend, doch bald schon erreichen wir das kühle Wolkenband. Regenschutz und eine Jacke gegen Wind und Kälte haben wir immer griffbereit. Da wir bei ca. 1.100 Höhenmetern gestartet sind und der Weg fast gerade hinauf führt, kommen wir schnell zur ersten Hütte auf ca. 1.850 m. Beim Anblick der Hütte sind wir froh, Zelte dabei zu haben. Nicht nur Ratten, sondern auch Spinnen, Käfer und weiteres Ungetier fühlen sich hier wohl. Den Tieren kann man keinen Vorwurf machen, wohl aber den Bergsteigern, die hier jede Menge Unrat zurückgelassen haben.

Der Magische Baum

Auf schmaleren Wegen durch dichte Vegetation steigen wir am nächsten Tag weiter hinauf. Es ist die steilste Etappe. In ihrem Verlauf geht der Regenwald langsam in Savannenlandschaft über. Grasbüschel und Farne sind charakteristisch. Nach ungefähr zwei Stunden ist die nächste Hütte erreicht. Hier ruhen wir uns aus. Die Wolken ziehen über unsere Köpfe hinweg, es ist schlagartig kühler. Wir sind mittlerweile auf fast 2500 m. Inzwischen haben wir den “Magischen Baum" im Blick, von dem uns die einheimische Begleitmannschaft schon erzählt hat. Je mehr wir auf ihn zugehen, desto mehr scheint er sich zu entfernen. Aber irgendwann stehen wir doch vor ihm. Er gilt als magisch, weil er der einzige Baum in dieser Höhe ist und bisher jedem Brand standgehalten hat. Der Baum steht an einer Stelle, von der sich ein traumhafter Ausblick auf die vorgelagerte Insel Marobo bietet.

Der Wind pfeift um die Zelte

Nach rund sieben Stunden sind wir wieder bei einer Hütte. Die letzten 300 Höhenmeter hat uns ein starker, kalter Wind nach oben getrieben. Er erschwert es beträchtlich, die Zelte auf den wenigen geraden Flächen aufzustellen. Zum Abendessen gibt es eine scharfe Tomaten-Gemüse-Sauce und Kartoffeln. Dazu Sardellen aus der Dose. Es ist grau und trüb, wir haben nur wenige Meter Sicht. Wie gut es tut, sich die klammen Finger am Teebecher aufzuwärmen. Nicht nur um der Kälte zu entkommen, verkriechen wir uns alle bald in die Zelte, sondern auch weil jeder richtig müde ist. Die ganze Nacht saust der Wind pfeifend um die Zelte und peitscht uns am nächsten Morgen auch heraus.

Auf dem Gipfel - platt aber hoch

Lust auf ein langes Frühstück hat keiner. Wir wollen nur auf den Gipfel. Es geht weiter bergauf, aber nicht mehr so steil wie tags zuvor. Schritt für Schritt wandern wir durch die holprige Graslandschaft mit Geröll. Immer wieder blicken wir nach oben, doch der Gipfel ist nicht zu sehen. Das Pfeifen des Windes wird immer schneidender und beginnt zu nerven, zumal wir uns nun nicht nur gegen den starken Seitenwind stemmen, sondern auch genau auf unsere Tritte achten müssen. Nach rund vier Stunden taucht die letzte Hütte auf ca. 3.950 m vor uns auf. Um sich aufzuwärmen, mummen sich unsere Träger in ihre Schlafsäcke ein. Sie werden nicht die letzten Höhenmeter mit uns gehen, sondern queren von hier zur Südseite des Berges. Wir treffen uns später beim Abstieg wieder. Die letzte halbstündige Etappe zum Gipfel zieht sich s-förmig über ehemalige Kraterränder. Erst kurz vor dem Gipfel registrieren wir, dass wir angekommen sind. Unter uns ein Wolkenmeer. Stolz aber frierend stehen wir am höchsten Punkt Westafrikas. Der Wind verleitet uns den Genuss und vertreibt uns schnell.

Abstieg über die Mann-Quelle

Über Lavasand lassen wir uns abrutschen und haben bald die Träger eingeholt. Gemeinsam machen wir uns auf den langen Weg zur Mann-Quelle, benannt nach dem deutschen Botaniker Gustav Mann, der den Berg mit Richard Francis Burton erstbestiegen hat. Durch Savannenlandschaft steigen wir flach und gemütlich ab. Es geht an zwei Kratern vorbei. Hier ist der Berg 1982 und 1999 ausgebrochen. Die erste Beschreibung eines Ausbruchs hat aber bereits Hanno der Seefahrer im Jahre 470 v. Chr. geliefert. Hanno beschreibt in seinem Reisebericht, dass der Nachthimmel erleuchtet war und glühende Lavaströme ins Meer flossen. Deshalb nannte er den Berg in Anlehnung an die Griechen Ochema, Götterwagen.
Ein letzter kleiner Bergrücken erhebt sich zwischen uns und unserem schattigen Lagerplatz, den wir aber nicht queren, sondern an dessen Rand unsere nach neun bis zehn Stunden müden Füße uns dem Mann-Spring-Camp entgegen tragen. An der Quelle kann man sich frisch machen. Wir haben darauf verzichtet, alle Viere von uns gestreckt und am warmen Lagerfeuer auf das Abendessen gewartet.

Mit der Machete durch den Dschungel

Die Annahme, am dritten und letzten Tag würde es nur noch bergab gehen, war ein Trugschluss. Erst queren wir Lavazungen auf spitzen und schon von der Sonne aufgeladenen heißen Steinen, bevor der Regenwald erreicht ist. Diesmal sind die Wege alles andere als breit. Deshalb also hat unser Führer heute die Machete ausgepackt! Auf und ab, über Äste und Wurzeln durch das Dickicht. Ein echtes Dschungelabenteuer. Und wir sind auf der Suche: Elefanten und Affen sollen hier leben. Bis zu einem kleinen Kratersee steigen wir eine kurze Strecke wieder auf. Abgesehen vom herrlichen Türkisgrün des Sees erfreut uns dort auch eine kleine Antilope, die ihren Durst stillt. Aber keine Elefanten. Erst nach einer weiteren Stunde durchs tiefe Grün des Regenwaldes sehen wir ein dickes, graues Hinterteil in beachtlicher Geschwindigkeit bergauf im Blätterwirrwarr verschwinden. Es gibt sie also wirklich. Auch ein kleines Äffchen “fällt" fast vom Baum, allerdings zu schnell, um von uns identifiziert zu werden. Eigentlich sollten wir heute noch einmal im mittlerweile trockenerem Teil des Waldes an einem schönen, mit lila Blüten überwuchertem Krater übernachten, doch das Meer ist zu nah und der Tag noch zu jung. So dass wir uns nach einem spannenden Tag, der hauptsächlich auf schlammigen, rutschigen Wegpassagen tief durch den afrikanischen Regenwald führte, wieder im Farmland finden. Der Weg geht nun eben dahin. Nach insgesamt neun Stunden erreichen wir ein kleines Dorf, unser Hotel liegt nur ein paar hundert Meter entfernt. Dort fallen wir auf, verschwitzt, verschrammt, verdreckt und glücklich. Schnell kommen wir mit Hotelgästen am Strand ins Gespräch und müssen wieder und wieder vom Berg berichten, der sich zwar hinter uns erhebt, aber schon wieder von Wolken verhüllt ist.

Glück gehabt!

Am nächsten Tag mittags öffnen sich - trotz Trockenzeit - die Himmelsschleusen. Ein Platzregen wie zur Monsunzeit, der erst nach fünf, sechs Stunden endet, überschwemmt alles. “Mongo ma loba" bedeutet Götterberg. Wir sind den Göttern dankbar, dass sie uns am Berg mit Regen verschont haben. Er hätte die einzelnen Etappen erheblich erschwert.

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