EVEREST 2011 - Tibet/China
Die Nordroute über North Col
Ein Bericht von unserem Reiseleiter Bogdan Brakus
Die Schweizer Agentur Kobler & Partner
organisierte in April und Mai 2011 die Expedition zum Gipfel des Mt. Everest 8.848 m über die Nordroute. Die Münchner Agentur Hauser exkursionen, für die ich seit vielen Jahren als Reiseleiter arbeite, hat im Rahmen der Kobler-Expedition für fortgeschrittene Trekkingtouristen den Aufstieg zum North Col 7.040 m angeboten. Meine Aufgabe war es, die Trekkinggruppe von fünf Teilnehmern zum North Col zu begleiten. Kari Kobler leitete die gesamte Expedition, Mischu Wirth, Bergführer aus der Schweiz, war sein Stellvertreter. Für die Gipfelbesteigung meldeten sich elf Bergsteiger an. Es wurde vereinbart, dass ich mich nach der North Col-Besteigung der Gipfelgruppe anschließe.
Anreise
14.04.11 - die Gruppe North Col startet von Frankfurt über Chengdu nach Lhasa. Die Gipfelgruppe ist schon seit Anfang April unterwegs. In Lhasa zweitägiges kurzes Kulturprogramm und Akklimatisation
Über Gyantse, Shigatse und Shegar fahren wir nach Rongbuk.
21.04.11 - wir erreichen das Basislager auf 5.170 m. Alles auf sehr guten Straßen und problemlos.
Es folgen sechs Tage Akklimatisierung mit Besteigungen in der Nähe des Basislagers.
28.04.11 - die Gruppe North Col bricht zum Intermediate Camp auf. Die Gipfelgruppe ist schon einige Tage im ABC, dem Advanced Base Camp. In der Nacht auf 5.800 m bekomme ich Fieber und schmerzhaften Husten - Gefahr einer Lungenentzündung.
Krankheit
29.04.11 - ich kehre ins Base Camp zurück. Mischu Wirth übernimmt die North Col-Gruppe. Ich fahre mit dem Jeep nach Zhangmu auf 2.500 m an der chinesisch/nepalesischen Grenze. Im Krankenhaus befürchtet man eine beginnende Lungenentzündung und verschreibt Infusionen mit Antibiotika. Nach zwei bis drei Tagen geht es mir wesentlich besser. Ich begleite die erfolgreiche North Col-Gruppe noch bis zur Grenze nach Nepal und kehre am 09.05.11 ins Base Camp zurück.
Neuer Anlauf
In zwei Etappen steige ich zum ABC auf 6.400 m auf. Ich merke die mangelhafte Akklimatisierung.
13.05.11 - ich gehe mit dem tibetischen Führer Lhasa Norbu zum North Col auf 7.040 m. Wir übernachten dort zur Akklimatisierung.
Defekte Maske am Gipfeltag
18.05.11 Wir verlassen das ABC Richtung Gipfel. Nach Kari Koblers Berechnungen ist der 21.05.11 der ideale Gipfeltag. Bis zum L1 7.040 m gehe ich ca. sechs Stunden. Das ist nicht schlecht, aber ich spüre die ungenügende Höhenanpassung.
19.05.11 Aufstieg zum L2, 7.700 m, sieben Stunden. Ich gehe mit Sauerstoff. Das Zelt steht schlecht, Kochen sehr mühsam, schlechte Nacht.
20.05.11 Aufstieg zum L3, 8.300 m, sechs Stunden mit Sauerstoff. Jetzt bin ich schon oberhalb des Cho Oyu, 8.201 m, meines höchsten Gipfels (allerdings damals ohne Sauerstoff!). Das Kochen von Wasser ist das größte Problem. Am Nachmittag etwas Halbschlaf. Gegen 23.00 Uhr Aufbruch. Draußen ziemliche Konfusion. Heute wollen praktisch alle Gruppen zum Gipfel, alle schauen auf Koblers Prognosen und Bewegungen und richten sich danach.
21.05.11 - kurz nach Aufbruch stimmt mit meiner Sauerstoffmaske etwas nicht. Norbu und ich versuchen zweimal die Maske zu reparieren - ohne Erfolg. So gehe ich praktisch ohne Sauerstoff bis zum Mashrum Rock, ca. 8.500 m, etwa 3 ½ Stunden lang. Dort bekomme ich eine neue Maske. Der Aufstieg über den First Step und Second Step geht problemlos. Vor dem Third Step geht die Sonne auf. Bis zum Gipfel sind es noch 200 Höhenmeter. Ich überklettere auch den letzten Third Step in 8.710 m Höhe, aber ich bin sehr langsam. Meine Gruppe mit Mischu Wirth ist schon nahe am Gipfel. Die 3 ½ Stunden ohne Sauerstoff haben mich doch sehr viel Kraft gekostet. Um 08.22 Uhr bin ich mit Lhasa Norbu auf 8.740 m mitten im letzten Schneefeld und mache Pause. Bis zum Gipfel sind es “nur" noch ca. 110 Höhenmeter aber der Weg ist noch recht lang. Vom Gipfel kehrt gerade meine Gruppe mit Mischu Wirth zurück. Acht Teilnehmer waren oben. Mischu schaut mich und meinen Sauerstoff an und sagt: “Bogdan, kehr´ um, es ist noch weit, vielleicht schaffst du es nicht mehr zurück!" Er ist mein bester Freund hier und seine Worte gelten für mich mehr als die aller anderen zusammen. Die Gruppe steigt geschlossen ab.
Der Entschluss
Nach einer kurzen Pause und ein paar Worten mit Lhasa Norbu, entscheide ich, die Besteigung abzubrechen.
22.05.11 - am Abend steige ich allein ab bis zum ABC. Sicherheit, warme Suppe, gutes Zelt - das Abenteuer ist ohne Verluste zu Ende, ohne Erfrierungen und ohne den Gipfel. Ich bin nicht sehr traurig - wahrscheinlich musste es so sein.
23.05.11 Abstieg vom ABC zum BC, 1.250 m Höhenmeter über weite Moränen, auf und ab. Bei mir ist der tibetische Führer Nursup aus Lhasa. Kari Kobler hat ihn angewiesen, auf mich beim Abstieg zum BC aufzupassen. Wir reden über Buddhismus, Dalai Lama usw. Kurz vor dem BC schauen wir bei einer kurzen Rast zum Gipfel. Nursup fragt mich: “Wie weit bist du eigentlich gekommen?" Ich zeige im die Stelle auf dem Rücken, wo wir umgekehrt sind.
Das Haupt der Göttin Qomolangma
Von hier aus sieht es so aus, als ob der Gipfel wirklich nicht sehr weit gewesen wäre. Er sagt: “Ich bin auch nicht weiter gegangen, nur zu dieser Stelle. Weißt du, wir Tibeter und Buddhisten würden unserer schönen Göttin Qomolangma nie auf den Kopf treten! Für sie ist das eine große Beleidigung. Wir dürfen nahe an den Gipfel herankommen und ihre schönen Augen sehen, aber wir dürfen sie nie beleidigen. Die westlichen Menschen wissen das nicht, für sie bedeutet dieser Berg nur eins - halt der höchste Gipfel der Welt". Dann setzt er fort: “Bogdan, du kennst unsere Kultur, unsere Religion und Philosophie besser als viele Tibeter, für uns bist du einer der unseren - für uns, echte Tibeter warst du auf dem Gipfel! Ich bin froh, dass du, mein Freund, der schönen Qomolangma nicht auf den Kopf getreten bist!" Ich bin durch seine Worte zutiefst gerührt - einige Tränen rollen das Gesicht hinunter, wir halten uns an Händen wie zwei Buben, die eine große Gemeinsamkeit teilen und steigen langsam zum Basislager ab …
27.05.11 - ich bin wieder in München, unter den Menschen, für die der Everest nur der höchste Gipfel der Welt ist.
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