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Libyen - Die Entdeckung der Langsamkeit

Bericht von unserem Reisegast Heide Reyer aus der Schweiz. Sie war zum ersten Mal im März 2007 mit Hauser unterwegs. 

Schon einige Wochen ist es her, dass ich in der Wüste war.

In der Sahara. Unterwegs mit Kamelen und Tuareg in Libyen, nahe der algerischen Grenze. Und noch immer erlebe ich dieses Nomadenleben, das mit nichts, aber auch gar nichts zu vergleichen ist, was ich bisher erlebt habe. Und noch immer bin ich gefangen von den Bildern, die ich Tag für Tag in mich aufgenommen, ja, geradezu aufgesogen habe.

Hoch oben auf dem Kamel zu sitzen,

die glasklare Luft einzuatmen und die schlanken Tuareg in ihren eleganten Gewändern zu beobachten, wie sie mit gleichmässigem, bedächtigem Schritt uns und die Kamele dorthin führen, wo wir hin sollen - das ist von solcher Poesie, dass man süchtig werden kann.

Fröhliches Schwatz

und Lachen der Reisegefährten. Energiesparendes Schweigen. Trommeln und Singen unter Millionen von Sternen. Kein Auto. Kein Flugzeug. Kein Lärm. Nichts was nur irgendwie an das gewohnte Leben erinnert.

Nur ein Meer von Dünen aus Sand,

goldgelb und ockerfarben, in geschwungenen, femininen Linien, vom steten Wind stetig sich verändernd. Bizarre Felsen aus Sandgestein. Weite Ebenen, bedeckt mit großen und kleinen Steinen, die daran erinnern, dass auch sie einst Felsen waren, bevor Wind und Sturm sie zu Sand zermahlten.

Und plötzlich grüne Akazien in ausgetrockneten Flussläufen.

Unbekannte Sträucher mit dickfleischigen Blättern. Und immer wieder struppige Grasbüschel, die aller Dürre zum Trotz fest verankert im Sand stehen und von den Kamelen gefressen werden.

Eigentlich wäre damit alles gesagt.

Aber das stimmt natürlich nicht. Zu sagen wäre vor allem, dass wir privilegiert waren, dass wir uns um nichts kümmern mussten. Zwar konnten wir uns nicht waschen, aber wir bekamen zu essen und zu trinken. Wir wurden satt. Und das ist eines der wesentlichsten Dinge.

Wie viel anders wäre es,

wenn wir in der Wüste leben würden? Tag für Tag Essen und Trinken herbeischaffen müssten? Wie viel anders wäre es, wenn wir Flüchtlinge wären? Wenn wir tagtäglich mit der Angst leben müssten, verhungern und verdursten zu können oder gar umgebracht zu werden!

Aber wir brauchten weder Essen und Trinken herbeizuschaffen,

noch mussten wir Angst haben. Denn Revolutionsführer Muammar Al Qaddafi wachte über uns, so wie er über sein Volk wacht, nun schon seit 37 Jahren, und gar nicht mal schlecht. Schon am Flughafen von Tripolis wurden wir mit den Worten empfangen, dass wir uns in diesem Lande sicher fühlen können. Keine Bettler, keine Diebe, keine Belästigung. Recht auf Wohnung. Angemessener Wohlstand für alle.

Aber dies soll kein politischer Aufsatz werden.

Vielmehr mache ich mir Gedanken darüber, warum jeder, der in der Wüste war, ins Schwärmen gerät. Was ist das Besondere an ihr? Ist es die Stille, wie die meisten sagen? Mag sein. Aber Stille finde ich auch woanders. Was ist es dann?

Vielleicht ist es dieses ganz Andere.

Diese völlige Abkehr vom Alltäglichen. Kein Haus, keine Straße, kein Laden, kein Kino, kein Fernsehen, keine Menschenmassen - nichts, absolut nichts, das an zuhause erinnert. Einfach nur ein einfaches Leben. Ein Leben, das auf das Nötigste beschränkt ist. Und dann dieses erhabene und sehnsuchtsvolle Gefühl vom Einssein mit der Natur. Das hat etwas Ursprüngliches. Etwas Archaisches.

Ich benutze dieses Wort sonst nicht: archaisch. Aber hier fällt es mir ein, weil es genau das ausdrückt, was in mir vorgegangen ist und was mich so unglaublich beseelt hat.

Schukran. Danke.

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