Vulkantrekking Nicaragua
Reisebericht von Hauser-Mitarbeiterin Xenia Kuhn
"Was, du fährst nach Nicaragua?"
“Pass gut auf dich auf!" Das war die häufigste Reaktion auf meine Reisepläne. Noch immer werden leider Begriffe wie Bürgerkrieg, Sandinisten und Contras mit diesem Land verbunden. Glücklicherweise sind diese Zeiten jedoch lange vorbei. Heute gehört Nicaragua zu den sicheren Ländern Mittelamerikas und ist ein sehr lohnenswertes Reiseziel!
Besteigung des San Cristóbal
Wir sind erstmal gespannt auf die Vulkane, von denen ja in Nicaragua viele noch aktiv sind. Ganz früh morgens lockt uns schon der angenehme Geruch von getoastetem Brot und Rührei aus den Zelten. Auf dem Bauernhof, der uns als Lagerplatz dient, steht erfreulicherweise auch die Kuh “Mirabel" neben dem Frühstückstisch, die für zusätzliche Milch für den Kaffee sorgt. Und dann geht es los Richtung San Cristóbal, er ist 1.770 m hoch. Heiß ist es und feucht. Schon beim Losgehen früh morgens steht uns der Schweiß auf der Stirn. Vorbei an kleinen Ansiedlungen und durch Waldstücke, wo wir von lautem, tropischem Vogelgezwitscher und Gezirpe von Zikaden begleitet werden, erreichen wir den “Einstieg". Ab jetzt geht es für ein paar Stunden steil bergauf. Die benötigte Zeit hängt natürlich von der Anzahl der Fotostopps ab. Wir haben ziemlich viele gemacht. Immer wieder nutzen wir die Verschnaufpausen, um den Blick auf die anderen Vulkane in der Umgebung zu genießen. Erfreulicherweise sind - außer Trittsicherheit - keine technischen Fähigkeiten erforderlich, um den San Cristóbal zu erklimmen. Jetzt noch das felsige Stück mit den unzähligen Agaven schaffen … und dann der Kraterrand! Dichter Schwefelnebel umgibt uns, die Tiefe des Kraters lässt sich nur erahnen. Eigentlich kann man von hier bis zum Pazifischen Ozean, nach El Salvador und nach Honduras schauen. Aber nicht, wenn der Vulkan so dampft wie eben an diesem Tag. Daher konzentriere ich mich auf den Untergrund. Eine tolle Farbmischung! Unter das schwarze Gestein erkalteter Lava mischt sich rötliches Eisen, gelber Schwefel und weißer Bimsstein. Auf einem Grat geht es dann zum Gipfel - endlich stehen wir auf einem der höchsten Vulkangipfel Nicaraguas! Aber das Beste kommt noch: Auf-den-Schuhsohlen-abrutschen über den feinen Lavasand ist fast wie Skifahren und macht sehr viel Spaß. Das Ambiente ist außergewöhnlich und hat etwas Gespenstisches: Die Lava-Piste ist übersät von kahlen Baumstämmen und Ästen, die in den Himmel ragen. Durch die Dämpfe des Vulkans ist der Wald, der hier mal war, mit der Zeit abgestorben.Genau das gleiche Vergnügen beim Absteigen haben wir später am Cerro Negro - wie der spanische Name sagt - am schwarzen Hügel, der 728 m hoch ist und wunderschön aussieht. Pechschwarz eben, eingebettet in eine wunderbar grüne hügelige Umgebung. Er gehört zu den jüngsten aktiven Vulkanen der Erde, kann aber bestiegen werden, weil seine Eruptionen vorhersehbar sind. Die wenigen Touristen, die man in Nicaragua trifft, kommen hierher, um auf einfachen “Holzschlitten" laut juchzend den Vulkan hinunterzurutschen. Auf “youtube" kann man Videos davon anschauen.
Nach diesen staubigen Anstrengungen
und Vergnügungen freuen wir uns umso mehr über die Erfrischungen, die unser französischer Koch Jean zubereitet. Stets gibt es frisches Gemüse, leckeres Fleisch oder Fisch. Und besonders lecker sind die tropischen Früchte, von denen es in Nicaragua mehr als genug gibt.
Bei den Spaziergängen
durch die Städte León und Granada mit ihren Bauten aus der Kolonialzeit und vielen bunten Häusern zieht es uns immer wieder zu den Märkten. Das Angebot an Obstsorten ist riesig. Viele davon haben wir noch nie gesehen. Fragend blicken wir den Verkäufer an und oft wird uns ein Stück der Frucht angeboten. Und die erfrischenden Fruchtsäfte, die die Nicas daraus machen, schmecken einfach sensationell! Bei allen Begegnungen mit den Nicas fällt ihre Gastfreundlichkeit auf: Sie winken uns heran, fragen nach der Herkunft - stets entwickelt sich eine nette Konversation. Nie haben wir irgendwo ein ungutes Gefühl, uns wird immer der Eindruck vermittelt, dass wir gerne gesehene Gäste sind. Die Bevölkerung ist stolz auf ihr Land. Selbst am Platz vor der majestätischen Kathedrale in León, in der an diesem Sonntag viele Kinder getauft werden und sich die Familien dementsprechend herausgeputzt haben, werde ich als Touristin mit Kamera nicht als störend empfunden. Ganz im Gegenteil: Ich werde angesprochen und darum gebeten, Fotos zu machen. Die moderne Kommunikation macht es möglich: Per email verschicke ich nach meiner Rückkehr die Bilder - endlich haben wir die Möglichkeit, uns für schöne Momente zu revanchieren.Nach dem vielen Laufen und den Nächten im Zelt tut es gut, schöne Hotels zu genießen. Davon gibt es in Nicaragua jede Menge. Ob das geschmackvoll ausgestattete “Dario" im historischen Zentrum von Granada, benannt nach dem berühmten nicaraguanischen Dichter und Schriftsteller Rubén Darío, oder das “Convento" in León mit seinem parkähnlichen Innenhof oder das Resort “Marina Puesta del Sol" am Pazifischen Ozean: Überall lässt es sich hervorragend entspannen und das gute Essen trägt viel zur Stimmung bei.
Ein besonders erwähnenswertes Plätzchen
ist das Hotel Mancarrón auf Solentiname, eine der vielen Inseln im südlichen Teil des riesigen Nicaragua-Sees (er ist übrigens über 15 Mal größer als der Bodensee). Große Flächen Nicaraguas sind von Regenwald bedeckt, so auch diese Insel, die sich als Ausgangspunkt für Regenwaldexkursionen anbietet. Kurz bevor es hell wird, bin ich schon wach, geweckt von einer wahren “Gezwitscher-Sinfonie". Bei den ersten Sonnenstrahlen verlasse ich meinen Bungalow und erkunde das Grundstück mit den vielen Bäumen, Palmen, Sträuchern und Blumen. Beim knallroten Hibiskus-Strauch, gleich neben dem Cashew-Baum mit den auffallenden Früchten, lege ich mich mit dem Fotoapparat auf die Lauer. Nicht lange und schon schwirrt ein grün schimmernder Kolibri heran. Und das soll nicht der einzige bleiben. Die Insel entpuppt sich als Vogelparadies: Vögel jeder Größe und Farbe sind hier vertreten.
Künstlerkolonie
Animiert von der üppigen Fauna und Flora hat sich auf diesem Inselarchipel eine Künstlerkolonie gebildet, die sich ganz der Naiven Malerei widmet. Beim Besuch einer Malerfamilie sind wir erstaunt, mit welch feinen Pinselstrichen und mit wie viel Hingabe hier die Künstler ihre unmittelbare Umgebung farbenfroh auf der Leinwand festhalten. Manch eines der hiesigen Kunstwerke hat es in internationale Museen geschafft.
Los Guatuzos
Damit wir einen Eindruck bekommen, was Regenwald eigentlich bedeutet, unternehmen wir einen Bootsausflug ins tropische Naturschutzgebiet “Los Guatuzos" nahe der Grenze zu Costa Rica. Immer wieder schaltet der Bootsführer den Motor ab, damit wir der enormen Geräuschkulisse lauschen können und um Tiere besser beobachten zu können. Majestätisch steigen weiße Reiher vor uns auf, mehrere Arten von Eisvögeln sehen wir, ein kleiner Leguan beäugt uns misstrauisch und die Brüllaffen scheinen sich in ihrer Ruhe von uns nicht stören zu lassen. Wir besuchen eine biologische Forschungsstation mit einer Orchideensammlung und einem Kaiman-Terrarium. Besonders gefällt uns der “canopy walk" - auf Hängebrücken balancieren wir durch die Baumwipfel der Urwaldriesen. Und dann geht es noch weiter in den Urwald hinein: Auf dem breiten Fluss San Juan begegnen wir vielen Einheimischen, die uns zuwinken bis wir El Castillo erreichen - ein kleines Dorf am Fuß einer spanischen Festung aus dem 18. Jahrhundert. Im Museum hier wird die eindrucksvolle Geschichte des Flusses dokumentiert, der eines der letzten großen Regenwaldgebiete der Welt durchquert. Wir befinden uns gerade mitten drin.
Noch viel würde mir einfallen
zu dieser tollen Reise. Ich mache es dennoch kurz: Mag sein, dass es das Beschriebene auch in anderen Ländern gibt. Aber Nicaragua ist ein kleines Land und hat damit den großen Vorteil, dass keine großen Strecken im Auto zu überwinden sind, um die ganze Vielfalt der Sehenswürdigkeiten in zwei Wochen erleben zu können. Ein echt lohnenswertes Reiseziel - sofort würde ich meine Koffer packen und wieder hinreisen!
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