Reisebericht: Äthiopien - Omo, Erta Ale und die Danakil-Senke

Äthiopien fordert alle Sinne

Die Wassermassen des Blauen Nil, christliche Klöster nördlich von Addis Abeba, archaische Rituale am Unterlauf des Omo, mächtige Krokodile und Flusspferde im Rift Valley, brodelnde Lava in der Danakil-Senke: Äthiopien reizt und fordert alle Sinne. So vielgestaltig wie die Landschaften in Höhenlagen von unter null bis weit über viertausend Meter, so unterschiedlich sind die Reiserouten, auf denen man das Land entdecken kann.

An der Quelle des Blauen Nil

Fasziniert von den braunen Wassermassen, die schäumend aus dem Tana Lake in die Tiefe stürzen, sitze ich auf einem Felsen am gegenüberliegenden Ufer. An drei Stellen bahnt sich der Blaue Nil zwischen Laubbäumen, Bananenstauden und Palmen seinen Weg. Im Sudan wird er sich mit dem Weißen Nil vereinen und durch Ägypten bis zum Mittelmeer strömen. 

Von  Addis Abeba, der dritthöchst gelegenen Hauptstadt der Welt, machen wir uns auf zu den Naturvölkern des Südens. Im Mago National Park unweit der sudanesischen Grenze, erreichen wir durch eine Allee von Elephant trees mit bezaubernden rosafarbenen Blüten unser Camp. Koch Qalam schnippelt bereits Gemüse für die Suppe. Zwischendurch muss er einen Pavian mit einer gestohlenen Zuckertüte verfolgen. Mit Hilfe des anwesenden Wildhüters, der seine Kalaschnikow wohl nur im Bett ablegt, kann er ihm die Beute abjagen.

Tellerlippen als Schönheitsideal

Wegen der Hitze schlafen wir nachts nur unterm Moskito-Zelt, bis es nach Mitternacht plötzlich kurz und heftig regnet und wir die Planen übers Gestänge ziehen. Auf matschiger Piste schlingern wir morgens durch den Park zu einem Dorf der Mursi. Zahlreiche Dicdics, die zierlichen Antilopen, Nashornvögel und Stachelschweine begleiten uns. 

Auf einer Lichtung stehen bienenkorbartige Gras-Hütten, die kaum meterhohen Eingänge sind mit Flechtwerk verschlossen. Davor sitzen einige Mursi-Frauen, deren Anblick gewöhnungsbedürftig, fast schockierend ist. Von der Pubertät an wird, nach Herausschlagen der unteren Schneidezähne die Unterlippe mit kleinen Holzpflöcken geweitet, später setzen die Frauen Tonscheiben in Größe einer CD ein. Je größer die Scheibe desto begehrenswerter ihre Trägerin, desto höher ihr Ansehen. Zum Essen werden die Teller herausgenommen.  

Hirse malen will gelernt sein …

Nahe Turmi haben wir Gelegenheit, ein Hamer-Dorf zu besuchen. Halbwüchsige Mädchen, deren Haarpracht ich bewundere, flechten mir zahlreiche Zöpfchen und amüsieren sich über meine Versuche, mit einem großen Stein Hirse zu mahlen. Tags darauf dürfen wir einem Initationsritus beiwohnen, dem berühmten Bullensprung. Wir folgen einem trockenen Flussbett, hören entfernt das Klingeln von Glöckchen und das Tröten von Blechhörnern. Und schon sehen wir die jungen Frauen vom Volk der Hamer, die sich versammelt haben, um dem jungen Mann, der heute über die Bullen springen wird, ihre Loyalität zu beweisen, indem sie sich mit Gerten den Rücken peitschen lassen. Immer wieder tanzen sie um die Männer herum, verziehen keine Mine, wenn die eingeölte Haut aufplatzt und eine weitere Narbe entstehen wird. 

Der Lärm steigert sich 

Ich fühle mich ins schwärzeste Afrika versetzt in diesen Stunden, habe beim Anblick der Striemen und blutenden Wunden der Mädchen und Frauen einen Kloß im Hals. Dabei provozieren die Frauen immer wieder zu neuen Schlägen, tanzen lachend, stampfend und trötend um die jungen Männer herum, der strenge Geruch von Schweiß, Fett und Blut liegt in der heißen, staubigen Luft. Während die Frauen  ihre Korkenzieherlöckchen mit Butter und Lehm in Form bringen, malen sich die Männer gegenseitig archaische Muster auf Gesicht und Körper. Der Lärm steigert sich, endlich nimmt der Initiand Anlauf, landet auf dem Rücken des ersten Tieres, strauchelt ein wenig, fängt sich auf den schwankenden Leibern und springt auf der anderen Seite herunter. Geschafft! Vier Mal. Mit lautem Johlen verlassen umgehend alle den Ort und machen sich auf den Weg zu ihrem Dorf, wo das Festessen bereitsteht. Noch lange sitzen wir am Abend vor unserem Zelt und reden über dieses so zwiespältig Erlebte. 

Geradezu entspannt beobachten wir tags darauf auf dem Chamo-Lake im Rift Valley Pelikane, Krokodile und Flusspferde, die nur wenige Meter von unserem wackeligen Boot entfernt auffliegen, ins Wasser plumpsen, das gigantische Maul aufreißen. So leicht kann mich nichts mehr erschüttern auf dieser unglaublichen Reise in ein unbekanntes Land. 

Nachts zum Kratersee

Genauso extrem, vor allem wegen der hohen Temperaturen und der einzigartigen Landschaften sind die Touren in die Danakil-Senke, das „Höllenloch der Schöpfung“. Temperaturen von über vierzig Grad machen uns tagsüber zu schaffen. Auch nachts sinken die Temperaturen nicht unter 30 Grad. Die Reise beginnt in Addis und nähert sich zunächst dem Flussbett des unteren Awash, wo 1974 Dr. Donald Johanson von der Uni Cleveland die Gebeine von „Dinkenesh“ ausgrub, die Hälfte eines weiblichen Skeletts. Australopithecus afarensis nannte Johanson die Spezies, die bereits vor dreieinhalb Millionen Jahren den aufrechten Gang übte. Der Fund wurde „Lucy“ genannt nach einem Beatles-Song, der bei dem Ausgrabungen lief.

Zum Erta Ale steigen wir in vier Stunden nachts im Schein der Stirnlampen auf. Der Blick in die Caldera des Schildvulkans macht sprachlos. Hier brodelt ein 1200 Grad heißer Lavasee mit einem Durchmesser von 150 Metern. Die oberflächlich erstarrte Lava zerbricht in dünne Platte, die über den See treiben. Die Bruchstellen glühen rot von nachquellender Lava. 

Alles so schön bunt hier!

Nach einer kurzen Nacht mit wenig Schlaf steigen wir ab zu den Fahrzeugen und brettern in glühender Hitze zum Dallol. Das vier Quadratmeter große Vulkangebiet erhebt sich aus einer Salzebene, die 120 m unter dem Meeresspiegel liegt. Heißes Grundwasser löst beim Aufsteigen durch die tausend Meter dicken Salz- und Anhydrit-Schichten Mineralien auf, die an der Oberfläche abgelagert werden. Die Ausfallprodukte erhalten durch Schwefel und Kaliumsalze ihre Farben und bilden eine geradezu überirdisch schöne Landschaft mit Geysiren, Fumerolen und heißen Quellen in knalligem Gelb, giftigem Grün und rostigem Rot. Fast zu schön, um wahr zu sein.

Äthiopien intensiv erleben

Alle Touren mit Andrea Reck als Reiseleitung

 (2015)