Reisebericht: Algerien - Durch Oasen und Schluchten des Tassili zu den Dünen des Tadrart

Der Zivilisation entfliehen

Willkommen in der Zentralsahara! Das sieht ungefähr so aus: Keine Toiletten, keine Dusche, kein Strom, kein Mobilfunknetz und Internet sowieso nicht. Ein Smartphone enthält so ziemlich alle Errungenschaften der Menschheit auf einer kleinen Scheibe aus Metallen. Es kann rechnen, schreiben, leuchten, fotografieren, Musik wiedergeben und sogar Fingerabdrücke lesen. Was für ein Wunder, oder? Ich stehe mitten in der größten Wüste der Welt, einem der lebensfeindlichsten Orte, vor einem Bilderbuch aus der Jungsteinzeit. Tiere, Menschen, Szenen aus einem Alltag vor tausenden von Jahren, mitten in der Natur ästhetisch ausgedrückt. Aufgrund dieser Ewigkeit kann hier von Gebrauchsspuren wohl nicht die Rede sein. Wie lange hält eigentlich ein iPhone? Ich komme aus einer Generation, wo das Sprachrohr zur Welt immer in der Hosentasche platziert ist. Insofern sind die ersten Tage eine radikale Umstellung und eine Reflexion der eigenen modernen Welt, aus der man sonst nie entfliehen kann. Ich bin hier auf Entziehungskur! Was hat WhatsApp nur mit mir gemacht? Erst später in Deutschland werde ich den ganzen Wert dieser Erfahrung begreifen. Was braucht der Mensch?

Die täglichen Rituale

Ich liebe den süßen Ingwertee, den mir die Tuareg gegen meine Erkältung empfehlen. Gleich zu Beginn der Reise habe ich mich erkältet. Die Umstellung vom deutschen Winter in die tagsüber heiße und nachts kühle Sahara ist für mich absolutes Neuland. Jeden Morgen bekomme ich auf herzlichste Weise einen großen Löffel Honig in meinen Krümeltee. Was mögen diese widerstandsfähigen Männer nur von mir denken, diese faszinierenden Tuareg, die hier nachts nicht mal eine Decke benötigen. Diese Bescheidenheit lässt mich während der Reise noch des Öfteren an unserer bisherigen Lebensweise in der westlichen Welt zweifeln. Ich schlafe zu Beginn noch überwiegend im Zelt. Es ist jedes Mal die Entdeckung meines eigenen neuen Kontinents, wenn wir an einem neuen Lagerplatz ankommen. Sobald das Zelt steht, gehört der Sonnenuntergang nur uns allein. Das sind Momente, die ich noch als alter Greis in meinem Sterbebett sehen werde. Unbezahlbare Augenblicke in der unglaublichen Weite! Täglich halten wir auch eine Siesta in der brutalen Hitze am Mittag. Ein paar schattige Akazien wachen über uns und wir träumen vor uns her. Das vorherige Mittagessen war ein absolutes Meisterwerk. Bei diesen logistischen Bedingungen gleicht jedes Mahl einem Besuch im Michelin Restaurant. Mein Abend ist so schon einzigartig, doch die scharfe Harissa in den erstklassigen Suppen gibt mir ein wohliges Gefühl der Zufriedenheit. Wenn die Sonne langsam untergeht, beten die Tuareg im Sand vor dieser biblisch anmutenden Kulisse. Ich werde auch diese Szenerie niemals vergessen. Wenn wir schon von Ritualen sprechen, dann bitte auch vom morgendlichen Toilettengang, den ich hiermit zu meinem persönlichen Highlight ernenne. Alleine wandere ich morgens los und kann diese Stille nicht fassen. Dann folgt der grandiose Blick auf bizarre Gesteinsformationen oder auf das endlose Dünenmeer. Ich habe noch nie so viele wunderschöne Toiletten gesehen!

Die Kunst ein Tuareg zu sein

Abdel Kader ist 76 Jahre alt. Er sieht aus wie eine märchenhafte Zaubergestalt, die ich mir in meinen schönsten Kindheitsträumen nicht mit meiner Fantasie erschaffen hätte können. Er ist flink, wenn er mit seinem Wanderstock, seinem dunkelgrünen Gewand und seinem pechschwarzen Chèche über den Wüstensand schwebt. Dieser Mann macht mich sprachlos und rührt mich zu Tränen. Er orientiert sich nicht mit einem GPS-Gerät, er kann es einfach. Ab und zu wird er für kurze Zeit zu einem Teil der Moderne. Man merkt ihm an, dass es nicht seine Welt ist. Er zieht ein altes Handy von Nokia aus seiner Ledertasche. Mit wem er da telefoniert, wissen wir nicht. Warum hat er überhaupt Netz auf diesem fremden Planeten? Er sieht ausgeglichen aus und die Fülle seiner Weisheit kann man nur erahnen. Was für ein Leben hat er bisher geführt? Ich stelle mir tatsächlich noch häufiger elementare Fragen über den Sinn unseres Daseins – hier in der Urlandschaft der Zentralsahara. Was ist der Mensch?

Begegnungen mit der Schöpfung

Ich weiß nicht recht, ob ich von einem Ritual sprechen mag, wenn ich jede Nacht vor dem Einschlafen das atemberaubendste Date meines Lebens mit der Milchstraße habe. Ich sehe Sterne, die schon gar nicht mehr existieren! Das hier ist nicht bloß ein Ritual, sondern das epischste Aufeinandertreffen zwischen dem Menschen und seinem eigenen Ursprung. Es ist diese übermächtige Schönheit, der sich niemand entziehen kann. Das Universum ist mit rationalen Worten nicht zu beschreiben, auch wenn ich hier nur einen kleinen Teil, eine einzige Galaxie sehe. Sie überzieht mich wie eine warme Decke aus Göttlichkeit. Woher kommen wir?

Die Erkenntnis

Endlich wieder zurück zu den liebsten Menschen, von denen man nun sage und schreibe ganze zwei Wochen nichts mehr gehört hat. Die Ironie in diesem Satz lässt vermuten, dass ich auch den Abschied aus der Sahara ausführlich reflektiere. Ich brauche etwa eine Woche in Deutschland, um unwiderruflich festzustellen, dass wir alle Nomaden sind! Sesshaft geworden, als wir die ersten Städte im Nahen Osten bauten, als wir die ersten Flächen Land auf kleinkarierte Weise für uns beanspruchten. Unser Ursprung ist das Fortbewegen im Rhythmus mit der Natur und in unserem innersten Wesen sind wir alle Nomaden! Was ist zu Hause?

Zur Reise: Algerien - Durch Oasen und Schluchten des Tassili zu den Dünen des Tadrart

von Hauser-Mitarbeiter Till Neumann