Reisebericht: Iran - Zwischen Damavand und Persepolis

Höhenmeter und Hochkulturen

Bergsteigen im Tschador? Nein, das macht niemand. Kopftuch und lange Ärmel genügen. Und auf über viertausend Metern greift man ohnehin ganz freiwillig zu Mütze und Handschuhen. Nicht nur der Damavand, mit 5.671 Metern höchster Berg des Orients, bietet großartiges Bergerlebnis und Begegnungen mit den unglaublich gastfreundlichen Iranern.
Direkt vom nördlichen Stadtrand der 15-Millionen-Metropole Teheran steigen wir auf felsigem Weg, teilweise mit Seilen und Stahltreppen entschärft, auf den Hausberg der Hauptstadt. Von der Shir Pala-Hütte auf 2.750 Metern scheinen nachts deren Lichter zum Greifen nah. Am Morgen steigen wir noch etwas höher in hinauf und bestaunen die Skihänge des Elburz-Gebirges. Dann 1.000 Meter Abstieg zurück in die Stadt, jeder Meter macht sich mit steigenden Temperaturen bemerkbar. In der Islamischen Republik gilt die Bekleidungsordnung für Frauen auch beim Wandern, so tragen wir lange Hosen, langärmelige Blusen und Kopftuch. Na ja, das spart wenigstens Sonnencreme.

Akklimatisieren zwischen Viertausendern

Nach einigen Stunden durch Teherans mörderischen Verkehr und auf viel befahrener Straße nordwärts Richtung Kaspisches Meer ist endlich in Vanderbon die moderne Hütte der Iranischen Bergsteiger - Föderation mit Duschen, Speisesaal und Kletterhalle erreicht. In wilder Fahrt geht es am nächsten Tag auf der Ladefläche zweier Pickups über eine Rüttelpiste durchs Khoram-dasht Tal. Angekommen auf 3.300 Metern, können wir das Gepäck auf Mulis verladen und zu Fuß entlang eines vom schmelzenden Schnee genährten Baches dem Lagerplatz auf 3.800 Metern entgegen wandern.
Und hier sitzen wir nun, nachdem die Zelte aufgebaut sind, gesättigt von Köchin Sepides schnell gezauberter Suppe, verwöhnt von Tee und Gebäck, auf saftigen Almwiesen und wüssten nicht, wo wir lieber wären. Die Viertausender, die wir in den nächsten Tagen besteigen wollen, sind augenscheinlich großteils schneefrei. Zwischen Lashgarak (4.320 m) und Alam Kuh (4.850 m) gibt es reichlich Auswahl für Akklimatisierungstouren in großartiger, einsamer Landschaft.

Schwefel- statt Gebetsfahnen

Vier Tage später: Nach aussichtsreichen Wanderungen und einem erfrischenden Bad im Kaspischen Meer (natürlich an getrennten Stränden für Männer und Frauen) erreichen wir mit dem Auto die Moschee Goosfand-sara auf 3.000 Meter Höhe. Hier wird das Gepäck wieder auf Mulis geladen. Wir schauen respektvoll zum Gipfel des Damavand. Der ruhende Vulkan stößt eine gelblich-weiße Schwefelwolke in den azurblauen Himmel. Blutrote Mohnblüten säumen anfangs den Schotterweg zur Bargah-Sevon Hütte, ein aus mächtigen Steinquadern errichtetes Haus, das im Winter von Skitourengehern genutzt wird. Aufenthaltsraum und Schlafraum sind auch im Juli nichts für verfrorene Besucher. Zwar ist die etwas ungemütliche Hütte keinesfalls wie oft beschrieben von einheimischen Bergsteigern überfüllt, aber wir entscheiden uns dennoch, den noch eingeplanten Akklimatisierungstag zu sparen und gleich am nächsten Morgen um sechs den Aufstieg zu beginnen.

Geräumiger Gipfel

1.500 Höhenmeter liegen vor uns, Bergführer Hossein schlägt ein gemächliches Tempo an. Schon bald tragen alle ihre Handschuhe, es pfeift ein eisiger Wind, gegen den man sich immer wieder mit aller Kraft stemmen muss. Alpinistische Schwierigkeiten sind nicht zu meistern, die wild gezackten Büßerschneefelder kann man umgehen, Steigeisen erübrigen sich. Nach sechs Stunden Aufstieg sind die Felsen um uns herum von einer gelben Schicht überzogen - Schwefel. Zwar ist der Damavand ein ruhender Vulkan, die übelriechende Dampffontäne mag er sich jedoch nicht verkneifen. Kurz vor dem Gipfel bekommt einer aus unserer Gruppe eine Ladung ab, was einen heftigen Hustenanfall und Erbrechen zur Folge hat.
Auf 5.671 Metern angekommen wähnt man sich in einem felsumstandenen kleinen Wohnzimmer. Der Blick fällt auf die schneegefüllte Caldera, über die sich zwei Iraner von Norden her nähern. Ein Gipfelkreuz gibt es natürlich nicht auf dem höchsten Berg des Iran und des gesamten Orient, auch nicht etwa einen güldenen Halbmond. Nur eine mumifizierte Ziege liegt auf der Metallplattform am Gipfel. Übrigens ist der Vulkan einer der höchsten freistehenden Berge der Welt, der Höhenunterschied vom Fuß des Berges bis zum Gipfel beträgt fast 4.700 Meter. 

Der heiße Atem der Geschichte

Die Kälte lässt uns nach dem Genuss einiger Gipfelkekse und reichlichem Trinken bald absteigen. Noch in der Nacht meint man den Schwefel auf der Zunge zu spüren. Aufwärmen können wir uns am übernächsten Tag im 900 Kilometer südlich von Teheran gelegenen Shiraz. In Persepolis schließlich streift uns der Atem der Geschichte mit schattenlosen 44 Grad Celsius. In nur vier Tagen wird ein eindrucksvolles Kulturprogramm absolviert, dessen Höhepunkte neben Isfahan die Achämeniden-Nekropole Nasqsh-e Rostam darstellt, wo vor über zweitausend Jahren die Könige Darius, Xerxes und Ataxerxes begraben wurden. Nach der Hitze des Tages schlendern auch einige Touristen über den Meydan-e Imam, den zweitgrößten Platz der Welt, auf dem zahllose Familien rund um die Wasserspiele bis spät in die Nacht auf farbenfrohen Decken im Gras zum Picknick zusammen sitzen. Im Vorhof der großartigen Moscheen spielen Kinder Ball, Pferdekutscher warten auf Passagiere. Die Fremden werden schnell in ein freundliches Gespräch verwickelt. „How is Iran?“ wird man immer wieder gefragt, damit ist dann der englische Wortschatz oft schon erschöpft. Schade, dass eine gemeinsame Sprache fehlt, um auszudrücken wie wunderbar man dieses Land findet – allem voran seine offenen, gastfreundlichen Menschen.

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Reisen mit Andrea Reck als Reiseleitung

(2015)