Reisebericht: Island - Land der Vulkane

Ist Wandern auf Island Hardcore Trekking?

Schlägt man sich abends mit blutrünstigen Mücken herum, baut am Morgen in strömendem Regen das Zelt ab und ist dankbar fürs karge Essen aus der Dose? Hauser-Reiseleiterin Andrea Reck kennt die Antworten.

Alles weit gefehlt.

Die vorsichtshalber  mitgebrachten Repellents bleiben unbenutzt im Packsack wie auch die Müsli-Riegel. Stechmücken sehen wir überhaupt nicht auf unserem zwölftägigen „Trekking durch die Vulkane“ Anfang August. Mit Wasser hingegen kommen wir ausgiebig in Berührung, aber das strömt meist nicht von oben. Es blubbert aus der Tiefe der Erde, bis zu 70 Grad heiß, wie z. B. im Fjallbak-Naturpark mit seinem berühmten Thermalgebiet Landmannalaugar oder in der heißen Quelle in Strútslaug. Was für eine Wohltat, nach einer anstrengenden Wanderung im warmen Wasser zu liegen mit Blick auf samtige, moosbezogene Hänge oder schroffe, schneebedeckte Gipfel.

Zwischenzeitliche Kneipp-Kuren

Mitunter ist das Wasser  aber auch kalt. Sehr kalt. Bei der ersten Flussdurchquerung schauten wir unsere Reiseleiterin Maria noch ganz entgeistert an, als sie sich seelenruhig die Schuhe auszog und durchs glasklare Wasser stapfte. Aber nach einigen Tagen kramen manche schon gar nicht mehr nach Trekkingsandalen oder Wasserschuhen, sondern genießen die Kneipp-Einlagen barfuß. Nach Überquerung einiger Wasserläufe am vierten Tag – links der Myrdalsjökull (Jökull heißt Gletscher), rechts die hellen Rhyolitberge des Torfajökull – ziehen wir die Wanderschuhe gar nicht mehr an, auf den Moospolstern geht man wie auf Wolken.

Mystisches Island

Konisch geformte Vulkane ragen aus der schwarzen Wüste und tragen bei zur mystischen Stimmung. Viele der gerade mal 300.000 Isländer glauben an in Felsen verwandelte Trolle und Elfen. Eigentlich kein Wunder. Hat man ein paar Tage diese zauberhafte Natur genossen, sieht man in der Feenkirche im Thorsmörk-Tal mehr als ein paar Felsen, glaubt gerne, dass das „Trollbrot“ – durch den Frost scheibenförmig gesprengte Steine – den kleinen Kobolden gehört.

Wetterwende

Wie nah „Himmel“ und „Hölle“ beieinander liegen, erleben wir am fünften Tag. Die 180 Meter tief eingeschnittene Schlucht Markarflótsgljúfur bewundern wir noch bei Sonnenschein, doch in der Nacht bricht ein Sturm los, der an den Zeltstangen rüttelt und puderfeine, schwarze Asche in jede Ritze weht. Mit dem Abbau des Zeltes bei strömendem Regen beginnen wir den Tag recht wortkarg. Das Küchenzelt hat den Sturm mit einigen Blessuren überstanden, so dass wir trotz des Regens im Trockenen frühstücken können.

Weiter geht's mit dem Linienbus

Mit Blick auf den eher unscheinbaren Eyafjallajökull bauen wir am achten Tag unsere Zelte ab. 2010 legte der Ausbruch dieses Vulkans den europäischen Flugverkehr tagelang lahm.

Bisher haben wir jeden Abend Gunnar getroffen, der die Zelte, das Hauptgepäck und die Küchenausrüstung im Geländewagen transportiert hat, doch nun geht’s mit dem Linienbus weiter. Bis zu seiner Ankunft, kurz nach sieben am Morgen, muss alles am Flussbett gestapelt sein. Kein Problem, ist es doch um fünf Uhr bereits taghell. Auf die Minute pünktlich kommt der weiße Allrad-Linienbus, gelotst vom Traktor des Campingplatzbesitzers, über die Arme des Gletscherflusses im Lava-Schotter gefahren.

Das Beste kommt zum Schluss

Er bringt uns schließlich zur Ringstraße, der wir in einem anderen Bus entlang der Südküste nach Westen folgen. Ein Highlight jagt das nächste: mächtige Wasserfälle, Basalthöhlen, Nistplätze von Papageientauchern und scherenschnittartige Felsformationen an der Küste.

Doch den absoluten Höhepunkt unserer Tour bietet der Skaftafell-Nationalpark. Wir steigen von Meereshöhe auf den Hrútsfjallstindar Peak (1.875 m). Mit Gegenanstiegen kommen locker zweitausend Höhenmeter zusammen. Als wir mit Steigeisen in drei Viererseilschaften bei strahlender Sonne über den weichen Schnee auf Europas größtem Gletscher Vatnajökull stapfen, rinnt der Schweiß vom Rücken bald in die vorsichtshalber übergestreiften Regenhosen. Selbst die verfrorene Moni, die bislang nur in ihrer giftgrünen Daunenweste gesichtet wurde, stöhnt über die „Sauna“ auf dem Eis.

Doch als am Gipfel Wolken aufziehen, werden die Kapuzen wieder tief ins Gesicht gezogen. Fast sechzehn Stunden dauert die Wanderung mit unseren drei Gletscherführern. Sogar die beiden jungen Berlinerinnen, die kaum alpine Erfahrung haben, schaffen die Mammut-Tour. Unsere fröhliche Maria hatte sie dazu ermuntert, mitzukommen auf die Gletschertour.

Überglücklich strahlen sie, als wir am Abend bei frischem Lachs und köstlichen Knoblauch-Bratkartoffeln im Esszelt unseren Erfolg mit Vatnajökull-Dosenbier feiern. Auf den Genuss besonderer isländischer Spezialitäten wie Hákari (fermentierter Haifisch, der nach drei Monaten in der Holzkiste für vier Monate zum Trocknen aufgehängt und dann in kleine Würfel geschnitten wird) oder Svið (gesengter Lammkopf, gibt’s als Reiseproviant auch in Dosen) verzichten wir diesmal.

2013 war Andrea Reck noch mit Zelten unterwegs - mittlerweile ist aus dem Zelttrekkking ein Hüttentrekking geworden:

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