Reisebericht: Nepal - Die Hörner des Manaslu

Die Hörner des Manaslu

Umrundung des Himalaya-Achttausender über den Larkya-Pass (5.105 m) vom 13.10. – 25.10.17

„Hast du Rigg gesehen?“ fragte mich Reini und stützte sich auf meine Schulter, während wir am Chörten auf einer Anhöhe vor dem Dorf Deng standen. Ich hatte Reinhilde aus Hersfeld, die jetzt auf einer Ranch in den Bergen von Nevada zusammen mit Rigg lebt, an einem Abend in einer Gaststätte in Kathmandu kennengelernt, bevor unsere Gruppe zur Manaslurunde aufbrach.
Reini hatte mir viel erzählt von ihren Himalaya Touren. Sie und Rigg sind ein starkes Team, nicht nur auf den herausfordernden Trecks, sondern auch im Alltag auf der Ranch, aber erst jetzt bemerkte ich, dass Reini eine Unterschenkelprothese trägt, einen schwarzen, bogenförmigen Karbonbügel, der am Knie befestigt ist und damit läuft sie wie eine Nummer Eins die Berge hoch. Ich war baff und konnte nur ausrufen: „Reini, you are the best!“ Aber sie winkte ab und verschwand in der nahe gelegenen Lodge, wo Rigg schon eingetroffen war.
Der Chörten vor Deng trägt auf der Stirnseite zwei ungleiche Yakhörner, eine Eigentümlichkeit, wie ich sie bisher noch nicht im Himalaya gesehen habe. Aber vieles ist anders im Gorkhatal, wo die Gurkha und Gurung zu Hause sind, jener Menschenschlag, der friedlichem Landbau nachgeht, aber auch die gefürchteten Gurkha-Soldaten hervorgebracht hat. Es war ein langer Anstieg bis hierher. Keiner aus unserer Gruppe von zwölf Bergsteigern hatte damit gerechnet, dass es vier Tage dauern würde, bis wir den ersten Himalayagipfel zu sehen bekamen.
Von Kathmandu bis zur Provinzhauptstadt Arughat ist es mit dem Bus schon eine Tagesreise, auf Wegen übersät mit Schlaglöchern, sodass man sich mit beiden Händen festhalten muss, um nicht vom Sitz geschleudert zu werden. Staubwolken begleiteten uns, drangen in die Atemwege, sofern nicht das Halstuch über die Nase gezogen wurde. Vorbei ging es an Terrassenfeldern über weit geschwungene Serpentinen, hinauf und hinab. Bilder wie im Daumenkino zogen am Auge vorbei: Ziegenhirten, Dorfversammlungen am Straßenrand, Kinder auf hochgepflanzten Bambusschaukeln, Knaben und Mädchen mit Schulranzen, die durch den Staub liefen, als wär er ihr Spielgefährte. Daraus fügte sich jeder dann eine eigene Geschichte zusammen.

Schließlich eine Reifenpanne am Abend in Arughat. Niemand wunderte sich darüber. Das Gepäck wurde umgeladen auf ein kleineres, klappriges Fahrzeug und nun ging es schon fast im Schritttempo bis nach Soti Khola, unserem Tagesziel auf 610 m. Der junge Mann am Steuer streckte immer wieder den Kopf zum Fahrerfenster hinaus, lachte uns dann freundlich an, um wenigstens das Gefühl zu geben, dass alles in Ordnung sei.
Am nächsten Morgen ging es im Fußmarsch los, immer dem Flusslauf des Budhi Gandaki folgend. Es war schwülheiß mit über 30° C im Schatten. Ein Mädchen streckte uns ein Büschel Pfefferminze entgegen. Eine Erfrischung. In Lapubesi gab es den ersten Halt im New Chum Valley Gästehaus, wo schon Prinz Harry (ein Bewunderer der Gurkhas) Einkehr gehalten hatte. Bis Machha Khola (Fischfluß) waren es knapp sechs Stunden, aber wir sind erschöpft von der Hitze und hatten heute kaum 300 Höhenmeter geschafft. Unsere Gruppe feierte den vierzigsten Geburtstag eines Teilnehmers. Der Koch hatte einen Kuchen gebacken und vor dem Larke Peak Hotel gab es einen Tanzabend. Später, während unserer Tour sollten wir noch zwei weitere Geburtstage feiern. Ein Zufall? Die Schüler und Lehrer des Dorfes sangen ihre Lieder und wer heute hier übernachtete, wurde mit einer Blumengirlande zum Tanz eingeladen. Die Stimmung war heiter und auf einem kupfernen Blechtablett, in dessen Mitte eine brennende Kerze stand, häuften sich die Geldscheine für einen guten Zweck, fast bis an den Rand der Kerzenflamme. Niemand kümmerte sich um die drohende Brandgefahr, während der nepalesische Schlager Resham firiri zum x-ten Mal getrillert wurde.

Der Weg vom Fischfluss bis nach Jagat brachte uns auf 1.350 Hm, aber die Temperatur sank kaum unter 28° C. Wir kamen an den gewaltigen Rupche-Wasserfällen vorbei und sahen wie ein Regenbogen sich wölbte über der Schlucht, wo Languren an den Felsen herumkletterten. Bei Tatopani gab es eine Rast an den heißen Quellen. Wer sich das Gesicht mit Wasser benetzt, mag sich den Schweiß abwaschen, Kühlung gibt es keine. Dann noch Treppenwege bergauf und bergab. Wir mussten Hangabrutsche überwinden, die an das große Erdbeben von 2015 erinnerten. In Doban gab es dann eine Mittagsrast mit Kartoffelsuppe und viel Tee. Nachdem wir etliche Hängebrücken überquert hatten, ging es auf einer längeren Galeriekonstruktion am Fels über dem Budhi Gandaki weiter nach Jagat.
Es folgten noch zwei weitere, aber kürzere Wandertage, bis wir endlich hier in Deng (1.850 m) die Gipfel des Shringi (7.161 m) und Ganesh Himal (7.424 m) sehen konnten. Es gab eine Zwischenstation in Ekle Bhatti (Einsame Schänke) vor der Strecke zwischen Nyak (2.340 m) und Deng, ein wahres Erlebnis für Naturfreunde. Subtropische Vegetation hat in der Schlucht des Budhi Gandaki Schutz gefunden. Zikaden erfüllten den Rhododendron- und Bambuswald mit betäubendem Zirpen. Riesenfarne und die feuerroten Kolben des Aronstabs (hier Snake Corn oder Sarpa Makai genannt) schießen bis auf geschätzte 70 cm hoch. Wir haben wenig Zeit, um allem nachzugehen und Bildaufnahmen zu machen, unser Guide läuft vorne schon weg.

Endlich betreten wir das Reich der Himalayariesen

Manimauern und Chörten tauchen vor uns auf, fünffarbige buddhistische Fahnen flattern vor tiefblauem Himmel. Die Bewohner werden tibetischer. Man hört schon mal ein Tashi delek zum Gruß. Kurz vor Namrung (2.650 m) kommen uns drei Mönche entgegen, denn an unserem Zielort gibt es eine Gompa, ein buddhistisches Kloster. Wir haben heute gut 1.200 Höhenmeter bewältigt, meist über schier endlose Treppenwege.
Am Folgetag geht es weiter hoch nach Ligaon (2.910 m). In blauen Buchstaben lesen wir an einer Felswand: „Welcome to Manasuli“ und dann geht’s auch gleich durch ein Chörtentor ins malerische Dorf Syogaon. Hinter uns erhebt sich der Ganesh Himal, vor uns der Larke Peak (6.249 m). Der Manaslu hält sich noch versteckt hinter einem vorgelagerten Berghang. Wir trinken zuckersüße heiße Zitrone, sehen auf die abgeernteten Felder und wundern uns, dass in rund 3.000 m Höhe noch eine Getreideernte eingebracht werden kann. Wie üblich sind es die Frauen, die hier die Halme mit der Sichel ernten und zu kunstvollen Garben zusammenbinden, während die Kinder im Hausbereich ihren Spielen nachgehen, immer fröhlich und unbeschwert mit den Wanderern scherzen, wenn sie eine Süßigkeit zugesteckt bekommen. Die Männer sind indessen unterwegs in den Bergen auf Trecks oder mit ihren Yaks und Maultieren. Schließlich erreichen wir Lho. Die Sehnsucht unserer Tour, der Manaslu (8.163 m) türmt sich plötzlich vor uns auf, der achthöchste Gipfel der Erde. Mein erste Eindruck: Noch nie habe ich einen so hohen Berg mit so viel Charakter gesehen. Der markant ausgeprägte Doppelgipfel beeindruckt. Hoch über drei vereisten Absturzwänden erheben sich die zwei Hörner. Das sieht aus, als ob über das Haupt eines wild gewordenen Yaks ein schneeweißes Tuch geworfen wurde, mit gewaltigem Faltenschlag bis hinunter zu den Füßen des Riesen. Wir sehen durch Apfelbaumzweige hoch zu den Ostabstürzen des Achttausenders. Wundersam flattern die roten Fahnen der Gompa von Lho am Fuß der Schneewände. Von der Terrasse der nahen Gaststätte schauen wir zum Gipfel hinüber, während wir eine Nudelsuppe essen und Pellkartoffeln in Chilisoße tunken, bevor wir nach Syalagaon (3.520 m) aufbrechen. Heute haben wir nochmals 1.000 Hm erstiegen.
„Mukundaji“, ruft Vijai, unser Guide und meint damit mich. Mit dieser liebenswerten Anrede meldet er sich immer zu Wort, wenn er etwas Wichtiges sagen will. „Du musst alles aufessen!“ fordert er mich auf. Ich stochere in meinem Dhal Bhat herum und habe heute keinen Appetit. Seit zwei Tagen plagt mich ein Durchfall. Die Gurungs essen reichlich Knoblauch, Zwiebeln, schwarze Himalaya Pilze, die mir nicht bekommen. Meine Wanderkameraden spülen das mit viel Bier hinunter, ich aber trinke nur Minztee. Morgen geht es auf steilem Weg zur Punggen Gompa, ein Abstecher auf dem Weg nach Samagaon.

Es ist sechs Uhr, der Manaslu-Gipfel reckt seine rötlich glühenden Hörner in den Morgenhimmel. Am Vorabend, kurz vor Sonnenuntergang, schimmerten sie blau und tagsüber überstrahlen sie blendendweiß alle anderen Gipfel der Umgebung. Ein Trekkinggast hat das Fotostativ auf der schmalen Terrasse genau vor der Toilettentür aufgebaut. Er hat eine lange Belichtungszeit eingestellt. „Soll das ein Video werden?“, frage ich ihn, als er nach einer Weile in einer bunten Wickelhose auftaucht. „Das kommt noch“, meint er trocken. Ich habe ein Problem und suche das Weite. Nach dem Frühstück gibt es ein Lunchpaket: Etwas Käse, ein Ei, Kekse. Abendessen wird es erst in Samagaon geben. Durch ein Chörtentor verlassen wir Syalagaon und über eine Hängebrücke überqueren wir den Numia Khola, um gleich darauf auf dem steilen Pfad zum Punggen Hochtal aufzusteigen. Das Tal liegt unmittelbar an der Ostflanke des Manaslu Hauptgipfels. Der Punggen- und Manaslu-Gletscher haben das Tal mit Schwemmmaterial aufgefüllt, drauf wachsen Flechten, Moose, dürres Gras. Wir laufen bis ans Ende des Tals, wo eine Gompa sich oben an den Fels schmiegt. Am Talende selbst steht ein Chörten mit den wehenden Gebetsfahnen, ein beliebtes Fotomotiv in ca. 4.100 m Höhe. Wer von hier zum Manaslu Gipfel hochschaut, muss den Kopf schon weit zurücklehnen, denn vom Fuß bis zu den weißen Gipfelhörnern sind es genau 4.000 Höhenmeter, die hier in den Himmel ragen. Links vom Hauptgipfel steht der Peak 29 (7.871 m), rechts der Nordgipfel (7.157 m). Weiter nach Osten blickend streift der Blick in der Runde das Panorama mehrerer Sechs- und Siebentausender. Die Szenerie ist überwältigend. Wir legen uns auf den Rücken, schieben die Rucksäcke wie ein Kissen unter den Kopf, um besser in die Runde der Eisriesen blicken zu können. Es ist wie in einem Karussell, wenn die Gipfel der Reihe nach sich im Kreis drehen. Dort, wo die Gletscher über schroffe Felsvorsprünge stürzen, bricht das Eis und stürzt in die Tiefe. Gewaltige Eisfontänen schießen in die Luft, dröhnen durch die Stille wie rollender Donner.
Jetzt sind wir zu einhundert Prozent auf unseren Passaufstieg konzentriert. Das Ziel zieht uns magisch an, wir wollen hinauf zum Larkya-Pass, um von dort auf die nördliche Kette des Manaslu Himal zu blicken. Zunächst geht es zurück zur Haupttrekkingroute. In Samagaon (3.520 m) übernachten wir, bevor wir dann weiter nach Samdo hochsteigen. Wir kommen an der Aufstiegsroute zum Manaslu Basislager (4.400 m) vorbei, aber das ist nicht unser Ziel. Mehrere Himalayaadler ziehen ihre morgendlichen Kreise unterhalb des Samdogipfel (6.335). Jetzt befinden wir uns nur 6 km von der tibetischen Grenze entfernt. Eine große Maniwand säumt den Weg und dann geht es steil hoch durch ein Steintor zum Dorf Samdo (3.850 m), wo unser „Tibetan Twins Hotel“ steht. Prekäre Waschmöglichkeit: Draußen vor der Lodge ein Wasserschlauch. Aber unser Sinn geht in eine andere Richtung. Noch eine Akklimatisierungstour am Nachmittag auf 4.260 m mit herrlichem Ausblick auf Naike Peak (6.211 m), Larke Peak (6.249 m) und den langen Aufstieg zum Larkya Pass über das sich hinaufziehende Moränengeröll. Irgendwo dort oben in der Ferne ist unser Passübergang. In Samdo haben sich tibetische Flüchtlinge niedergelassen. Von hier oben sehen ihre Häuser wie blaue und graue Streichholzschachteln aus. Auf der braunen Hochebene weidet das Vieh. Nach Norden hin zieht sich ein lang gezogener Pfad über einen verbotenen Pass nach Tibet. Und während wir absteigen, kommen uns Reini und Rigg entgegen. „Hello!“ wir begrüßen uns erfreut über die Begegnung. Beide sind bis hierher gut gekommen, und ich erfahre, dass Rigg den Aufstieg zum Base Camp gemacht hat. Sein Kommentar: „Marvellous!“ Er ist begeistert und schießt immer wieder Bilder mit seiner Spiegelreflexkamera. Wie er das so gut hinbekommt ist ein Kunststück, denn Rigg hat nur einen Arm. Wir verabschieden uns: „See you next on the top of the pass!”.

Unsere letzte Station vor dem Pass ist Dharamshala ( 4.470 m)

Wir waren vorgewarnt: Hier gibt es keinen Komfort. Wir übernachten in Zelten. Aber am Nachmittag machen wir noch eine Akklimatisierungstour auf 4.650 m. Es ist kalt hier oben, aber ein herrliches Panorama mit ungetrübter Fernsicht läßt uns alles andere vergessen. Wir blicken nun von Nord nach Süd auf die Manaslu-Kette. Ganz vorne eine Reihe von mehreren eisbedeckten 6.000er, dann der Nordgipfel, dahinter schon weiter entfernt der Hauptgipfel mit seinen zwei markanten Hörnern, die sich perspektivisch gegeneinander verschoben haben. Vorne der etwas niedrigere, kantige Ostgipfel und 500 m dahinter, den schon fast ganz in den gleißenden Sonnenstrahlen aufgelösten Hauptgipfel. Das Abendessen nehmen wir in einem schmalen Steinhaus ein. An der durchgehenden, langen Tafel sitzen im schummrigen Licht ca. 30 Personen, die morgen zum Pass hochsteigen wollen. Wir müssen um 3:30 Uhr aufstehen, Schlafsack und restliche Sachen in der Trekkingtasche verstauen, schnell etwas verzehren, damit wir um 4:30 Uhr zum Aufbruch bereit sind. Kurz nach Mitternacht erhebt sich ein heftiger Wind, rüttelt am Zelt und schleudert Eiskristalle über die Zeltplanen. Ich befürchte schon einen Wetterumsturz, der unserer Tour ein plötzliches Ende bereiten würde. War das 2014 nicht auch so? Als ich unschlüssig nach einiger Zeit die Reißverschlüsse am Zelt öffne, sehe ich in einen sternklaren Himmel. Rundherum liegen eisgefrorene Graupeln. Dem Aufstieg steht nichts entgegen.
„Slowly, slowly!” unser junger Guide, Prakash, geht langsam voraus. Er will die Gruppe zusammenhalten. Mir fallen seine dünne Jacke und seine Textilschuhe auf. Wir haben die Stirnlampen aufgesetzt und ich sehe vor mir nur die Schuhfersen des Vordermanns. Das Gelände ist steinig, links fällt der Hang steil ab. Tief unten in der Schlucht rauscht der Larke Khola. Ich habe die Mütze tief in die Stirne gezogen, das Buff-Tuch bedeckt Mund und Nase. Die Daunenjacke ist gerade gut genug, um mich vor der Kälte zu schützen. Nach ca. einer Stunde beginnt es zu dämmern. Wir sind oben auf dem Moränenrücken. Die dunkle Oberfläche eines Gletschersees liegt wie ein schwarzes Loch in der Tiefe. Nach einer weiteren Stunde stehen wir vor einer Steinhütte, die mit Plastikplanen bedeckt ist. Es gibt einen heißen Tee an der „Larke Bar“. Er kommt von einem Blechofen, der mit Yakdung befeuert wird. Plötzlich steht Reini neben mir und wieder die Frage: „Hast du Rigg gesehen?“ Ich habe ihn nicht gesehen, leider. Sie scheint besorgt zu sein. Jetzt erst merke ich, wie eiskalt die Luft da oben ist. Wir frösteln und wollen weiter, aber unser junger Guide hat sich hinter dem Ofen verkrochen. Seine Kleidung war dann doch zu dünn.
Da ruft Vijay „Go, go!“ und gibt den Aufstieg frei. Wir gehen los zu sechst, Vijay folgt hinterher. Der Hang wird steiler. Weiter oben splittert das Eis wie Glas bei jedem Tritt aber Steigeisen sind hier nicht erforderlich. Wir haben sämtliche Schatten der Berge hinter uns gelassen. Die Sonne blendet schmerzhaft und mein Tuch vor Mund und Nase ist vereist. Noch 200 Höhenmeter. Dann öffnet sich die Sicht gen Westen. Am Horizont glänzt die Kette der Annapurna II. Wir haben den Larkya La Pass (5.106 m) nach ca. 3 Stunden erreicht. Die Gebetsfahnen wehen vor tiefblauem Himmel.

Warum steigen die Menschen hier hoch?

Warum tun sie sich das an, die Anstrengungen, die Entbehrungen, die Kälte? All die Plackerei? Einsame Seelen, die einer Lebenskrise entfliehen wollen, machen sich auf den Weg, freilich auch Naturfreunde, die das Außergewöhnliche der höchsten Berge der Erde erleben wollen, schließlich sind es dann auch Freaks, die eine sportliche Herausforderung suchen, nicht selten Marathonläufer, die hektisch den Berg bezwingen wollen, oben außer Atem ankommen und schnell ein Selfie schießen, bevor sie weiterlaufen. Den Berg kann man aber nicht bezwingen. Man kann sich seinem Wesen annähern, langsam, Schritt für Schritt, indem man sich selbst verändert also eine innere Wandlung erlebt. Wenn du dich dem Berg innerlich anpasst und schließlich im Gefühl mit ihm eins zu sein das Ziel erreichst, ist es wie ein spirituelles Erlebnis. Es ist ein Reifungsprozess, an dessen Ende man seinen persönlichen Ehrgeiz aufgegeben hat und eine Einheit zwischen „Berg“ und „mir“, zwischen „Außen“ und „Innen“ erfährt.
Der Abstieg von der Passhöhe bis nach Bimtang (3.720 m) führt über den steilen, westlichen Moränenhang des Larkya. Cheo (6.820 m), Himlung Himal (7.126 m) und Larke Peak (6.249 m) im Rücken geht es schnell abwärts. Wir machen in Larche (4.215 m) eine kurze Teepause und steigen dann weiter ab in der Obhut eines Portes, da unser Guide auf den Rest der Gruppe warten will. Das schnelle Gehtempo des Trägers, der drei Gepäckstücke auf dem Rücken trägt, fordert uns Respekt ab. Bis hinunter ins Tal des Dhud Khola (Milchfuß), wo unsere Lodge in einem weiten Talkessel steht, sind wir dann insgesamt acht Stunden unterwegs.
Von Bimtang bis Tilje geht es zuerst im Tal des Dhud Khola weiter. Wenn unsere Stiefel die orangefarbenen Beeren des Feuerdorns (Ghyanguru) berühren, verbreitet sich ein süßer Vanilleduft. Vor uns erhebt sich der Kampungge Himal und in gleißender Sonne strahlt die Eiswand des Phungge (6.538 m). Links flankieren die gigantischen Westabstürze des Manaslu unseren Weg. Es geht weiter abwärts. Wir tauchen in die Urwaldzone ein. Rhododendron und dicht mit Flechten bewachsene Himalayazedern säumen den Weg. Wir streifen die Annapurna Conservation Area. Auf steil abfallendem Pfad kommt uns eine Gruppe schwer beladener Porters entgegen. Sie tragen Proviantbehälter und mehrere auffällig lange Stangen. „Servus!“ Ein bärtiger Mann in grellgrüner Jacke grüßt. Hallo?! Sind wir in den Alpen? Der Mann, der uns entgegenkommt gibt sich als Hans Kammerlander zu erkennen. Er befindet sich auf einer Expedition zum Manaslu. Dabei wird ein Film gedreht, der im kommenden Jahr ausgestrahlt werden soll.
Bis Tilje sind wir auf 2.300 m abgestiegen. Am nächsten Tag stoßen wir bei Thoche (1.900 m) auf den Annapurna Treck. Von unten kann man mit dem Geländewagen bis hierher fahren. Die neu angelegte Straße strotzt vor Schlaglöchern. Hoch über der grandiosen Schlucht des Marsyangdi Nadi wurde sie in den Fels gesprengt. Gut für den Tourismus aber schlecht fürs Auge. Wir steigen auf der gegenüberliegenden Flussseite auf dem alten Fußweg bis zum Endpunkt unserer Tour nach Jagat (1.300 m) ab.

Wir haben Glück gehabt:

Kein plötzlicher Wetterumsturz , wofür der Manaslu berüchtigt ist, hat unsere Tour getrübt. Die Hörner des Manaslu ragen ruhig und majestätisch empor. Manchmal, in der Nacht drohen sie den Bergsteigern und zeigen, welche Kraft in diesem Berg steckt. Zwischenzeitlich wird Hans Kammerlander den Gipfel des Manaslu erreicht haben. Sicher wurde ein spannender Film gedreht. Reini und Rigg habe ich nicht wieder gesehen. Ich hoffe, dass beide gut über den Pass gekommen sind! Jetzt schon kann ich sagen, dass sie die Helden der Tour sind und freilich die unermüdlichen Lastenträger, ohne die so ein Unternehmen erst gar nicht möglich ist. Gerne hätte ich für sie eine Danksagung auf einem Stein oder einer Tafel hinterlassen, neben all den vielen Chörten und Manisteinen überall.

Zur Reise: Nepal - Lodge-Trekking rund um den Manaslu

von Wolfgang Gottschick