Reisebericht: Wandern in der algerischen Sahara

Ins Herz der Sahara

Von wegen wüst

Die Sahara, größte Wüste der Welt, ist lebensfeindlich. In Begleitung ortskundiger Tuareg wohlbehütet, erlebt der Teilzeitnomade auf verschiedenen Routen ihre erhabene Schönheit.  

Mit kräftigem Strahl rauscht der Tee aus der emaillierten Kanne ins Glas. Frische Minzeblätter schwimmen obenauf. Ein paar Tropfen verdampfen zischend, als die Kanne auf die Feuerstelle zurückgestellt wird. In seinem weichen Französisch erklärt Targi Atki: Das erste Glas muss »bitter schmecken wie das Leben«, das zweite »stark wie die Liebe« und das dritte »süß wie der Tod«. Schweigend trinken wir das aromatische Gebräu, schauen auf zum Himmel, der nirgends so klar und so nah scheint wie hier. 

Wie hier in der Sahara, im algerischen Tadrart. Leise beginnt Cherif, unser Fahrer, mit den Fingern auf einem leeren Wasserkanister zu klopfen. Seine beiden Begleiter fallen ein. Sie sind wie er als Nomaden im Air-Gebirge geboren. Bald trommeln sie schneller, dann wieder langsam, mal sachte, mal kräftig. Schließlich summt Atki leise eine melancholische Melodie. 

Mit dem Schlafsack im Sand

Gut hundert Meter vom Feuer entfernt liegt mein Schlafsack am Fuß einer Düne. Der Mond erhellt den Weg. Bald ist das letzte Holzscheit verglüht. Irgendwo ist ein Zeltreißverschluss zu hören. Die Tuareg rollen sich wie jeden Abend neben dem Fahrzeug in ihre Decken. Was für ein Gefühl, geborgen im Schlafsack im Sand zu liegen und die Kälte der Nacht zu erwarten. Über mir das Sternenmeer, rundum schweigt ein dunkler Ozean aus Sand. Die bekannten Sternbilder fallen kaum auf bei all den vielen funkelnden Sternen. 

Es ist die Kälte, die mich weckt. Halb sieben. Kein Laut zu hören. Das Licht ist seltsam diffus, aber ein schmaler roter Streifen am Horizont lässt einen spektakulären Sonnenaufgang erwarten. Ich warte auf Wärme, doch die Sonne dringt nur zögerlich durch die dünne Wolkenschicht. Nicht einmal ein Moula-Moula, der schwarz-weiß gezeichnete Steinbürzelschmätzer, ist zu hören. Vegetation gibt es in diesem Tal nicht, nur Sand. Sand, soweit man sehen kann. Doch die Wüste lebt. Eine hellbraune Wüstenspringmaus mit weißem Bauch führt Riesensprünge auf. Eine Weile blinzle ich noch in die aufgehende Sonne, genieße den warmen Schlafsack. Bald lockt Kaffeeduft zum Lagerplatz, die fleißigen Tuareg richten das Frühstück.

Spuren in der Seele

Es gibt keine Ablenkung in der Wüste, nichts was das Auge hält. Es gibt den tiefblauen, wolkenlosen Himmel von Horizont zu Horizont. Es gibt den Wind und den Sand, der tagsüber im gleißenden Licht leblos erscheint, aber im warmen Licht des Abends Konturen gewinnt. Und es gibt Felsen, Steine, Schotter und Kies. Sandkörner aus durchscheinendem Quarz, die Reste früherer Gebirge. Wer zu Fuß geht oder auf dem Kamel reitet, nimmt die Wüste mit allen Sinnen auf. „Niemand hinterlässt Spuren in der Wüste, aber die Wüste hinterlässt Spuren in den Seelen der Menschen“, sagen die Tuareg. 

Im Oued Arikane liegt Sand in der Luft. Sand knirscht zwischen den Zähnen, als wir Stunde um Stunde über die Dünen wandern. Die Vegetation wird spärlicher, nicht einmal die zarten lila Blüten der Zilla spinosa, deren stachelige Zweige sonst da und dort aus dem Boden ragen, sind mehr zu entdecken. Steinerne Bögen säumen das Tal. Die Farben changieren, manchmal überwiegen die Rottöne im Sand, dann wieder leuchtet er gelb. 

Tin Merzouga ist erreicht, eine Düne, die sich fast zweihundert Meter in den wolkenlosen Himmel erhebt. Beim Aufstieg frischt der Wind auf, Sandkörner traktieren Handrücken und unbedeckte Stellen im Gesicht. Der Wind ist kalt, trotzdem rinnt der Schweiß. Unglaublich, wie anstrengend das Gehen im Sand ist, immer wieder rutschen wir zurück. Oben angekommen bläst der Wind, holt uns fast vom Kamm. Scharf geschnittene kleine Dünen bis zum Horizont. Dazwischen spitze Felstürme vor Gipsebenen. 

Vor dem Abendessen wandere ich wie die meisten Teilnehmer unserer zehnköpfigen Gruppe noch ein Stück die Dünen hinauf. Der Wind hat sich mittlerweile gelegt, im Licht der untergehenden Sonne werden die Konturen scharf, die Strukturen der Dünen zeichnen sich immer deutlicher ab. Wie kann eine Landschaft von so grausamer Härte gleichzeitig von so sanfter, betörender Schönheit sein? Als wir wieder zurückkommen kurz vor Einbruch der Dunkelheit, kochen unsere Begleiter den köstlichen The à la menthe. Wir verstehen nun das  Tuareg-Sprichwort: „Gott hat die fruchtbaren Länder geschaffen, damit die Menschen dort leben können. Und die Wüste, damit die Menschen dort ihre Seele finden“.

Nehmen Sie sich Zeit für die Wüste:

Zur Reise: Algerien - Zeit für die Wüste

Alle Touren mit Andrea Reck als Reiseleitung

(2015)