Reisebericht: Westgrönland - Wunderwelt der Eisberge

Gut ausgerüstet  

...mit warmen Klamotten und Schlafsack aus dem Hauser-Shop fliegen wir von München nach Kopenhagen. Die Zeit bis zum fünfstündigen Weiterflug nach Westgrönland nutzen wir für einen kurzen Besuch der Innenstadt. Dann geht es über Island und die Eiswüste Grönlands hinweg nach Kangerlussuaq, dem internationen Flughafen Grönlands. Unsere Reiseleiterin Astrid Zauner aus Tirol erwartet uns bereits. Wir packen alles persönliche Gepäck auf einen Pickup hinter dem Flughafengebäude. Dazu kommen noch Zelte, Gasflaschen, Gaskocher, Kisten mit Proviant und vieles mehr aus einem Lagerhaus. All das wird zu unserem ersten Camp im Sandflugdalen, Richtung Inlandeis, transportiert.

Nach vielen Stunden des Sitzens freuen wir uns endlich loslaufen zu können. Es geht den breiten Gletscherfluss aufwärts, einige Stunden auf der Piste entlang. In der Ferne sehen wir grasende Moschusochsen. Der Fluss zwängt sich an einer Stelle tosend zwischen riesigen Felsplatten hindurch und bald blinkte fern in der Abendsonne das Inlandeis, unser Ziel für morgen.

Nach Mitternacht mitteleuropäischer Zeit erreichen wir unser Camp – bestehend aus einem aufgebauten Küchenzelt und einem Berg Gepäck. Von Anreise und Wanderung sehr müde bauen wir unsere Zelte auf und kriechen nach einer kleinen Brotzeit in den Schlafsack.

Ein Zeltplatz am Gletscher     

Nach einem morgendlichen Bad im nahen See und einem opulenten Frühstück lassen wir das große Gepäck und die Zelte zurück, um mit Tagesrucksack bei trockenem Wetter zum Russell-Gletscher zu wandern. Durch weites Sandschwemmland und Krüppelweiden erreichen wir unser Ziel, die ca. 70 m hohe Abbruchkante am Nachmittag. Wir staunen nicht schlecht, als direkt vor unseren Augen mit großem Krachen ein hohes Stück der Eiswand in den Fluss stürzt!

Unser Gepäck ist schon da und wir errichten unser Lager in sicherem Abstand auf einer Anhöhe direkt gegenüber der blau glänzenden Wand. Welch ein Lagerplatz!! Das Krachen und Knacken hörten wir die ganze Nacht, unglaublich!

Am nächsten Morgen genießen wir unser Frühstück mit Blick auf den Gletscher. Wir haben Zeit, diesen Ort in Ruhe auf uns wirken zu lassen: schauen, fotografieren, notieren ...

Gegen Mittag machen wir uns auf dem Rücken des nördlichen Moränenzuges auf den Heimweg zu unserem Camp, mit eindrucksvollen Ausblicken zurück aufs Inlandeis und nach vorne auf Seen, Berge und das Sandflugdalen unter uns.

Gegen Abend erreichen wir unser Camp, wo wir eine, leider sehr kurze, Nacht verbringen: Um 3.30 Uhr am nächsten Morgen werden wir mit Gepäck abgeholt und zum Flughafen gefahren. Denn unser Inlandsflug nach Sisimiut draußen an der Küste geht schon um 7.00 Uhr.

Die Stadt der Schlittenhunde         

Nach einem kurzem Flug bringen uns einige Taxis zum Zeltplatz am Ortsrand. Sisimiut wird auch die "Stadt der Schlittenhunde" genannt. Der Grund dafür ist gleich zu hören: Gejaule und Gebelle überall. Die freilaufenden Welpen umringen uns und unser Gepäck begeistert, doch unsere Freude währt nicht lange! Die kleinen Racker nagen an Gurten, ziehen an Seilen, knabbern an Schnürsenkeln. Wir müssen sie schweren Herzens immer wieder vertreiben, denn sie haben es vor allem auf unseren Proviant abgesehen. Bald sind die Zelte aufgestellt, aus dem obligatorischen Container am Platz die Kocher und Bänke ins Küchenzelt getragen, und wir bereiten gemeinsam eine Brotzeit zu.        
                        

Einladung bei Aalibak zum Kaffemik

Am Nachmittag sehen wir uns in der mit 5.000 Einwohnern zweitgrößten Stadt Grönlands um. Im kleinen Fisch- und Fleischmarkt kaufen wir Seewolf, Ren und Wal für die nächsten drei Abende ein.

Das ehemalige Kolonialviertel mit seiner hübschen Kirche ist heute ein kleines Freilichtmuseum mit interessanten Exponaten. Astrid, die jedes Jahr einige Monate in Grönland lebt, kennt die Menschen, ihre Kultur und Geschichte sehr gut und lässt uns an ihrem Wissen teilhaben. Und dann hat Astrid eine Überraschung für uns: Wir sind von ihrem Mentor Aalibak zu einem "Kaffemik" eingeladen! Das ist ein grönländischer Brauch, bei dem man sich bei Kaffee und Kuchen mit Freunden ungezwungen zu einem Ratsch trifft. In unserem Fall gibt es dazu noch eine leckere Mischung aus Robbenspeck, getrocknetem Dorsch, frischen Krabben und anderen Köstlichkeiten. Da Aalibak Jäger ist, dürfen wir einer Demonstration verschiedener Wurfwaffen beiwohnen. Und wer will, kann Kunsthandwerk kaufen. Astrid übersetzt die dänischen Erläuterungen für uns.

Nach einem langen Tag schlafen wir bestens. Die Hunde werden durch große Felsbrocken vor dem Eingang des Küchenzeltes zu ihrer Enttäuschung am Einbruch gehindert.

Moschusochsenhorn und Eskimorolle 

Zum Frühstück gibt es heute Morgen Kuchen mit Kerzen und Obstler: Herrmann feiert seinen 70. Geburtstag mit uns. Na dann Prost und alles Gute!

Anschließend besuchen wir das Zentrum der örtlichen Kunsthandwerker, deren Werkstätten und Ausstellungsräume in einem gut erhaltenen Lagerhaus am Hafen untergebracht sind. Hier bietet sich die Gelegenheit, direkt bei den Künstlern Schnitzereien aus Rentiergeweih, Moschusochsenhorn und anderem Material – unter strenger Berücksichtigung des Artenschutzabkommens – günstig einzukaufen, was wir rege nutzen.

Beim Gang durch die auf Hügeln erbaute Stadt fällt uns auf, wie freundlich wir von allen Bewohnern gegrüßt werden, wirklich wohltuend. Grönländer sind sehr aufgeschlossene Menschen, die freundlich auf Fremde zugehen. Da können wir was lernen!

Am Nachmittag rückt Astrid mit der nächsten Überraschung heraus: Wir können durch Vermittlung von Aalibaak eine Kajakvorführung von Ermaanooraq, Grönlands zweitbestem Kajakfahrer, erleben. Ist ist ungemein eindrucksvoll, wie der junge Mann im traditionellen Anorak aus Robbenleder mehr als 20 der über 80 verschiedenen Varianten der Eskimorolle vorführt. Vielen Dank!

Pilze für das Rentiergulasch                             

Heute vermiest uns der nicht enden wollende Nieselregen unsere Wanderung auf den Hausberg. Nachdem der Ausblick von dort oben das Ziel gewesen wäre, planen wir um auf "Botanisieren". Wir sinken in dicke Moospolster und grün-graue Flechtenmatten ein, hüpfen über kleine Rinnsale und sammeln dabei eine große Tüte Birkenröhrlinge, die unser Rentiergulasch am Abend vorzüglich bereichert.

Gesättigt packen wir danach zusammen, stapeln alles für den Abtransport durch ein Taxi an der Piste und spazieren zum Hafen, denn die kommende Nacht werden wir auf der Fähre nach Norden, Richtung Diskoinsel verbringen.

Mit 550 PS zur Diskoinsel

Am Morgen gehen wir in Aasiaat an Land. Nanoq, also Eisbär, heißt unser Boot, das uns hier abholt. Mit 550 PS hinterm Heck flitzen wir bei Temperaturen von gut 20 Grad in der Sonne und unter blauem Himmel  nach Norden in Richtung Diskoinsel. Hier bestaunen wir die ersten Eisberge unseres Lebens. Nur Hermann hatte schon in Ostgrönland und Patagonien welche gesehen. Ein Glücksgefühl erfüllt uns! Und es sollte noch viel besser kommen! Gegen Abend erreichen wir Qeqertarsuaq, den Hauptort der Insel, laden das Gepäck in einen Kombi und wandern am Meer entlang zum Zeltplatz. Zum Abendessen gibt es Gulasch vom Wal, der in Grönland streng kontingentiert und überwacht zum Eigenbedarf gejagt werden darf. Dabei fällt unser Blick hinaus auf die riesigen weißen schwimmenden Berge, wow! 

Am nächsten Vormittag haben wir Zeit, den Ort mit seinen bunten Häusern zu erkunden und Proviant für die Gruppe nachzukaufen, bevor wir am Nachmittag zu einer Wanderung an der Küste entlang aufbrechen, um ausgedehnte Basaltformationen zu bewundern. Immer wieder zuckt die ganze Gruppe beim Krachen und Knacken der Eisberge zusammen, in der Hoffnung, eine spektakuläre Drehung zu beobachten – was uns auch einmal gelingt.

Über den Gletscher

Unsere zweitägige Tour auf den Lyngmarksbraen, einen Gletscher über dem Ort, steht bevor: Nach dem Frühstück packen wir Schlafsack und Brote ein, um die 900 Höhenmeter hinauf zu überwinden. Weite Blicke über die blaue Wasserfläche unter uns – weiß mit Eisbergen gesprenkelt – belohnten die Mühe. Oben angelangt, setzen sich einige von uns auf schwere Holzschlitten, um sich – am Tag zuvor gebucht – von den fächerförmig eingespannten Hunden über den sulzigen Schnee ziehen zu lassen. In der fast neuen Hütte angekommen gibt es dann ein leckeres Essen und auf der Sonnenterrasse ein Glas Rotwein mit Blick auf die Diskobucht!

Treibeis im Hafen

Die "Nanoq" holt uns ab, um uns zum Festland nach Ilulissat zu bringen. Wir fahren auf einen berühmten Eisfjord zu, aus dem die Gletscherbrocken aufs Meer treiben. Das Eis um uns herum wird immer dichter und dichter. Der Kapitän muss sich – mit Blick aufs Radar – langsam einen Weg in die Stadt bahnen. Wir stehen dick eingemummt an Deck, die Eiswände ziehen, zum Teil nur einige Meter von uns entfernt, am Boot vorbei. Die Temperatur ist deutlich gefallen, das Eis strahlt ab. Einfach unglaublich! Viel später als geplant kommen wir im treibeisgefüllten Hafen an und fahren per Taxi mit allem Gepäck zur Jugendherberge, in der wir übernachten.

Walroulade thüringisch 

Wieder packen für zwei Tage. Wir laufen ohne größere Höhenunterschiede den ganzen Tag Richtung Norden, immer in Küstennähe, immer mit Blick aufs Eis, immer unter blauem Himmel nach Rodebay, einem kleinen Ort mit 50 Einwohnern. Ziel ist das Restaurant H8, in dem wir zu Abend essen und übernachten.

Der einstmalige Walfanghafen – Rodebay bedeutet "rote Bucht", rot vom Blut der Wale – drohte vor Jahren verlassen zu werden und zu verfallen. Doch ein junges Paar aus Thüringen verliebte sich während einer Reise in die Siedlung in geschützter Lage, restaurierte das alte Gebäude und führt dort seit 1994 ein liebevoll eingerichtetes Lokal. Wir genießen müde ein kühles grönländisches Bier – es gibt zwei Brauereien auf der Insel – und Walroulade thüringisch. Obwohl wir K.O. sind, machen wir uns alle noch auf zu einem Rundgang durch den auf abgeschliffenen Felsplatten gebauten Ort. Es hat knapp über 0 Grad, aber die Ausblicke aufs Meer!!!!!!! Wann haben wir das wieder?

Am nächsten Tag jedenfalls nicht, denn da geht es um 7.00 Uhr schon per Schiff weiter nach Norden.             

Gespenstische Nebelfahrt 

Mit leerem Magen gehen wir früh an Bord der "Esle", einem berühmten Schiff, mit dem uns Kapitän Thorwald nach Norden zum Eqip Sermia-Gletscher bringt, der direkt ins Meer mündet. Frühstück an Bord, Sonne überm Deck, sich im Wasser spiegelnde Eisberge um uns herum! Gegen Mittag erreichen wir die Gletscherfront, lassen uns mit dem Beiboot in kleinen Gruppen an Land bringen, um auf der schotterigen Moräne nach oben zu steigen. Was für ein Blick über die Lagune und auf die zerklüftete Gletscheroberfläche. Die Rückfahrt nach Ilulisat dauerte dann statt zwei Stunden ganze fünf. Denn bald zog dicker Seenebel auf, eine tückische Wettererscheinung, die selbst unserem routinierten Kapitän Konzentration und ganzen Einsatz abverlangte. Gespenstisch tauchten die Eisriesen meist knapp vor dem Bug der "Esle" wie aus dem Nichts auf. Eisschollen donnerten gegen den Rumpf des Schiffes und erschütterten es. Wir fühlten uns wie auf einer Expedition mit Knud Rasmussen. Um Mitternacht dann schließlich die Ankunft im Hafen.

Helikopterflug  

Wieder ein Tag der früh beginnt. Wir haben einen Helikopterflug über den Eisfjord hinein zur Abbruchkante gebucht. Wäre dieser Trip nicht so teuer gewesen, würden wir jetzt einfach im Schlafsack liegen bleiben. Doch das Geld war gut investiert! Nur aus der Luft kann man die Abbruchkante des Kangia-Gletschers sehen. Er kalbt in einem 800 m tiefen Fjord, das Eis treibt ca. 80 km Richtung Küste. Dort wird es an einer unterseeischen Schwelle in einer Tiefe von nur 250 m aufgestaut und "ausgespuckt", wenn der Druck von hinten zu groß wird. Das kann langsam aber auch sehr ruckartig geschehen. Diese geologische Besonderheit hat die UNESCO vor einigen Jahren veranlasst, ein großes Gebiet um den Fjord zum Weltkulturerbe zu erklären. 

Abschied und neue Pläne

Nach der letzten Nacht im Schlafsack, in unserem Zelt unter grönländischem Himmel, bauen wir das das Camp ab und lagern im Container ein, was nächstes Jahr wieder zum Einsatz kommen sol. Dann steigen wir wehmütig in die rote Dash 7 der Air Greenland und treten unsere Heimreise an.

Alles in allem: Wir hatten super Glück mit dem Wetter, nicht viele Mücken, sehr viel Eis und eine tolle, lustige, tatkräftige Gruppe! Wir sehen uns spätestens beim Nachtreffen in den Bergen im Frühling wieder. Und nächstes Jahr geht es nach Spitzbergen ... ich kann es kaum erwarten.

Lesen ist schön, selber erleben ist besser!

Zur Reise: Westgrönland - Wunderwelt der Eisberge

 

(2011)