Tourismus in Grönland – eine Chance für die Inuit

Robert Peroni ist Bergsteiger, Abenteurer und Forscher. Seit vielen Jahren entwickelt er gemeinsam mit den Inuit in Grönland einen verantwortungsvollen, sozialen Tourismus. Er betreibt das Rote Haus, ein Gästehaus in Tasiilaq.

Tourismus hat Zukunft

Grönland hat eine große Zukunft im Bereich Tourismus: Schnee, Eis, saubere Gewässer, Fjorde, Eisberge, Berge. Das alles wird uns in den überbesiedelten europäischen Regionen immer mehr fehlen. Weite, Luft, Platz zum Atmen. Ein Kapital, das Zinsen tragen wird. Doch die Angst ist gewachsen, dass der Mensch diese Naturschönheit missbrauchen kann. Öl- und Gasfunde erregen die Gemüter in den Industrienationen. Ich kann nur hoffen, dass die Menschen lernen, mit Umweltproblemen besser zurecht zu kommen. Die Inuit in Ostgrönland müssen selbstbewusster werden. Sie müssen lernen sich zu behaupten, lernen aufzustehen und die Stirn zu bieten. Sie brauchen dafür noch etwas Zeit.

Tourismuskonferenz in Ammassalik

Im Frühjahr 1994 fand in Ammassalik eine Workshop-Konferenz mit dem Titel „Tourismus im Umbruch“ (Tourismus als Chance nicht nur für Touristen) statt. Robert Peroni, Hauser Exkursionen und das Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) waren die Veranstalter. 25 Experten aus Wissenschaft, Tourismus und Medien waren gekommen, um mit den Inuit nachhaltigen Tourismus in Grönland zu diskutieren. Ziel der Konferenz war es, auf möglichst vielen Ebenen einen Dialog in Gang zu setzen. Es ging darum, eine Basis zur Zusammenarbeit aller in Grönland am Tourismus Beteiligten zu schaffen. Um die Bevölkerung zu integrieren, wurde Ammassalik als Konferenzort gewählt. Mittelfristiges Ziel war, die Ostgrönländer durch Information und Aufklärung für umwelt- und sozialverträglichen Tourismus zu sensibilisieren. Der Tourismus sollte von der Bevölkerung aktiv mitgetragen werden.

Einbruch des Fellhandels

Fast 20 Jahre nach der Grönlandkonferenz hat sich in Ostgrönland die Lebenssituation der Menschen sehr verschlechtert. Nachdem jedweder Handel mit Seehundderivaten in der EU von der EU verboten wurde, ist der Fellmarkt zusammengebrochen. Felle waren neben dem Tourismus die einzige Einnahmequelle. Der Tourismus ist noch zu schwach, um diesen Totalausfall aufzufangen. Die Inuit jagen für den eigenen Bedarf. Doch der Tourismus ist die einzige wirkliche Einnahmequelle. Heute sind etwa zehn Prozent der Einheimischen im Bereich Tourismus saisonal beschäftigt. Indirekt profitieren – sehr grob geschätzt – etwa zwanzig Prozent vom Tourismus.

Wandel im Tourismus

Der Tourismus in Ostgrönland wächst stetig. Verändert hat sich seit der Tourismuskonferenz die Qualität des Angebotes. Es gibt bessere und sicherere Boote. Die Pünktlichkeit und Verlässlichkeit der Dienstleistenden hat sich gesteigert und es gibt klügere und umweltfreundlichere Produkte. Auch die Reisenden, die Gäste sind anders als früher. Sie legen ihr Augenmerk auf Umweltverträglichkeit und auf den Nutzen der Reisen für die Bevölkerung. Sie wünschen auch die Beteiligung der Bevölkerung am Tourismus. Das Verhalten der Gäste ist kein reines Nehmen mehr. Hauser-Gäste sind schon im Vorfeld der Reise sensibilisiert. Das merken wir bereits am ersten Tag. Sie sind hellhörig, aufmerksam und gut unterrichtet.

Die Weltsicht der Inuit

Europäer können von den Inuit viel lernen. Vor allem im Hinblick auf die Beziehung Mensch und Natur. Kommerzielles Denken wird hier anders interpretiert. Kommerzielles Vorausplanen ist nicht gefragt. Denn die Menschen sind jetzt, im Moment, füreinander da. Sie leben in gegenseitigem Respekt selbstverständlich miteinander und füreinander im Einklang mit der Natur. Mich beeindruckt, dass viele Ansichten und Lebensweisheiten dieser Menschen unserer westlichen Denkart entgegengesetzt sind. Und sie sind auch stimmig. Unsere technisch hoch entwickelte Industriegesellschaft lebt in extremer Egozentrik und hält sich für den Maßstab aller Dinge. Die Berührung mit der Kultur der Menschen in Grönland stimmt nachdenklich und wirft ein neues Licht auf unsere angeblichen Selbstverständlichkeiten. Ich rate den Reisenden anzukommen, richtig anzukommen. Alles bisher Gesehene zu vergessen. Es geht um das Schauen, um Aufnehmen und um Freude an den neuen Eindrücken. Es geht nicht darum, mit dem Zeigefinger auf irgendetwas hinzuweisen. Es geht vielmehr darum nachzudenken, warum etwas so sein könnte wie es ist. Warum die Inuit etwas so machen wie sie es machen. Nachfragen ist erlaubt. Aber man sollte sich auch selber fragen.

Das Rote Haus

Die Unterkunft, das „Rote Haus“ wird stetig erweitert. Im März 2013 wurde der Neubau eröffnet; ein Gebäude, das höhere Ansprüche erfüllt. Die Zimmer sind sehr geräumig und mit Dusche, WC, Bad und teilweise mit Infrarotsauna ausgestattet. Unsere Philosophie ist seit 1994 unverändert geblieben. Nur die Achtsamkeit im Hinblick auf Details ist viel größer geworden.

Tipp für Grönland-Einsteiger

Allen, die das erste Mal nach Grönland kommen, empfehle ich als Einstieg die Standortwanderreise „Ostgrönland - Komfort in der Wildnis”. Hier lernt man Grönland in allen Facetten, in all seinen Formen und seinen Schönheiten kennen. Danach werden Wünsche frei und die nächste Tour ist ein „Muss“.

Übrigens: Kurze Hose nicht vergessen! Auch die Polarsonne kann wärmen 😎