Reisebericht: Mongolische Vielfalt: Berge, Steppen, Taiga, Wüste

Gerade ist die Sonne herausgekommen

und ich sitze am Flussufer und versuche, meine von der letzten Flussdurchquerung gefühllosen Füße wieder aufzutauen. Ein Wiehern lässt mich den Kopf heben: unser Koch kommt daher getrabt, wie immer den Teekessel unterm Arm und ein Lächeln auf den Lippen. Gefolgt von seinem Gehilfen, der auch die zwei Packpferde mit den Kochutensilien im Schlepptau hat.

Etwas abseits zwischen den niedrigen Sträuchern, die schon ihr Herbstkleid angelegt haben und in Rot- und Gelb-Tönen leuchten, schlagen sie ihr Lager auf und bald steigt Rauch vom Gaskocher auf und es gibt heißes Wasser für Kaffee und Tee. Während ich meinen Kaffee aus dem Ikea Becher schlürfe und die warmen Strahlen der Sonne genieße, schweift mein Blick über den breiten Fluss, der vor uns eine Biegung macht und zwischen zwei steinigen Bergen verschwindet. Die Hänge spärlich geschmückt mit Sibirischen Birken und Lärchen. Vereinzelte Bäume leuchten schon goldgelb und bilden einen schönen Kontrast zum herbstlichen Rot des hohen Grases. Dazwischen immer wieder das Schwarz von verkohlten Baumstämmen.

"Essen!"

 - Wohl die häufigste Aufforderung während dieser Reise - holt mich aus meinen Gedanken und bald balanciere ich den Teller mit buntem Gemüse, würzigem Schaffleisch und Nudeln auf meinen Knien. Genießen auf den unebenen Steinen am Flussbett mit Aussicht auf die zwar spartanische, aber grandiose Natur. Einsame Taiga, ab und zu ein Streifenhörnchen oder ein neugieriges Murmeltier. Aber auch das Heulen der Wölfe abends beim Lagerfeuer.

Eines der Packpferde hebt den Kopf und wiehert. Aus der Entfernung folgt die Antwort und schon entspinnt sich ein Dialog zwischen den Pferden des Kochs und denen der Kolone mit unserem Gepäck, die sich rasch nähert. Die ersten Packtiere, beladen mit Zelten, Gepäck und Ausrüstung tauchen zwischen den hohen Büschen auf. Wir bringen uns schnell in Sicherheit bevor wir von einem der halbwilden, kleinen struppigen Pferde gerammt werden. Begleitet von jungen Mongolen, die meistens über ihren unbequemen Sätteln in den Steigbügeln stehen und die Herde antreiben. Zwei der Lasttiere brechen nach links in die Büsche aus und werden sogleich wieder im Galopp zurück in die Kolonne geholt.

Jeden Tag ein Erlebnis ist der Spuk auch schon wieder vorbei und es ist nur das Rauschen des Flusses zu hören. Langsam schultern wir unsere Rucksäcke und folgen dem Tross durch die herbstliche Taiga. In Gedanken schon beim nächsten kalten Fluss, der zu durchwaten ist.

Das Getriebe ächzt

als der Fahrer einen Gang runterschaltet, gleich darauf gefolgt vom Stöhnen meiner Mitreisenden beim Rumpeln durch das nächste Schlagloch. Als der Bus vor einer Stunde von der schmalen, aber immerhin asphaltierten Straße in den Feldweg abbog, glaubten wir noch an eine schnelle Abkürzung. Mittlerweile ist uns klar, dass die Fahrspur vor uns, die sich ihren Weg durch die Steppe bahnt, der Hauptverkehrsweg auf unserer Fahrt Richtung Süden ist.

Dunkle Wolken hängen schon den ganzen Vormittag tief über dem Horizont und die düstere Stimmung lässt die gelb braunen Hügel um uns noch etwas unwirklicher erscheinen. Gerade quält sich der Bus über eine kleine Anhöhe und vor uns öffnet sich ein weiteres, endloses Tal, durchzogen von ein paar Reifenspuren und den dünnen Strommasten, die uns auf unserer Fahrt begleiten.

Links taucht eine Kuhherde auf und die Tiere heben neugierig den Kopf, um sich das seltsame Gefährt mit seinen langnasigen Insassen genauer anzuschauen. Selbst für sie scheinen wir eine willkommene Abwechslung im Steppen-Einerlei zu sein.

Ein weißer Punkt rechts von uns

entpuppt sich als Jurte mit einer Pferdekoppel und unser Bus verlässt den Feldweg und steuert nun über den holprigen Boden direkt darauf zu. Die bunt bemalte Tür des weißen Zeltes öffnet sich und zwei kleine Buben schauen neugierig heraus. Bewacht von einem mächtigen Hirtenhund, der selbst den dreijährigen überragt. Wir steigen mit steifen Glieder aus dem Bus und werden vom allgegenwärtigen, kühlen Wind begrüßt, der uns die Reißverschlüsse unserer bunten Jacken weiter hochziehen lässt.

Mit eingezogenen Köpfen treten wir vorsichtig durch die niedrige Tür in die Jurte und reihen uns zu beiden Seiten des kleinen Ofens an der runden Wand auf. Die junge Nomadenfrau rührt in einem großen, blauen Plastikfass und füllt dann einen Glaskrug mit Airag, vergorener Stutenmilch. Die vom Hausherr randvoll gefüllte Schale wird mit beiden Händen dem ersten aus der Gruppe gereicht. Schmeckt säuerlich und ein bisschen nach Buttermilch - der Alkohol macht die Milch haltbar, die alle zwei bis drei Stunden von den Stuten draußen gemolken wird.

Fasziniert bestaunen wir, wie der gesamte Hausrat in diesem Zelt Platz findet: rechts auf der Frauenseite die "Küche" und links am Beginn der Männerseite das Waschzeug, zwei Betten und in der Mitte gegenüber der Tür der Hausaltar. Dazwischen kleinere, bunt bemalte Holzschränke für Kleidung und Zaumzeug, und an der Decke hängt noch ein Telefon.

Als wir wieder nach draußen treten, um beim Melken der Stuten zuzuschauen, fängt es an zu tröpfeln. Am gegenüberliegenden Hügel bewegen sich weiße Punkte langsam Richtung Horizont: 1400 Schafe gehören auch zum Besitz dieser kleinen Familie. Die Herde wird jeden Abend wieder zusammengetrieben und zur Jurte zurückgeholt, um sich am nächsten Morgen dann wieder in eine Himmelsrichtung zu zerstreuen.

Ein karges und einsames Leben in dieser rauen Umgebung. Bestimmt von den endlosen gelben Hügeln, die Weidegrund und Lebensraum bieten, die in der Sonne fast wie Gold leuchten und unter den grauen Wolken wie ein wogendes Meer erscheinen, das alles mit sich fortträgt.

Über mir ziehen zwei Geier ihre Runden

Majestätisch gleiten sie ohne einen Flügelschlag dahin. Im Fernglas erkenne ich den markanten Kopf und die mächtigen Schwingen. Der ständige Wind scheint sie nicht zu stören. Es beruhigt, ihrem Schweben zuzusehen. Weit abgehoben von jeglicher Zivilisation.

Ich sitze hoch oben auf einem der markanten Felsen in den Ausläufern der Wüste Gobi, am Fuße derer wir heute unser Lager aufgeschlagen haben. Direkt unter mir die gelben Punkte der Zelte, aber zu weit weg, um die Stimmen der Gestalten, die sich dazwischen bewegen, bis zu mir dringen zu lassen.

Hinter den Zelten erhebt sich ein Felsen in der Form eines Adlerkopfes. Ganz oben zwei kleine Punkte - dort genießen wohl zwei andere aus der Gruppe den Ausblick. Dahinter ragen weitere bizarre Steinformationen aus der gelben Steppe, die sich endlos bis zum Horizont erstreckt und dort fast die dunklen Wolken berührt. Die Strahlen der untergehenden Sonne kämpfen sich durch einen Riss in der Wolkendecke und verleihen der Landschaft etwas Unwirkliches.

Die absolute Stille hüllt mich ein, wie ein weicher Mantel. Kein Fluglärm, kein Auto, nicht mal ein Vogel ist zu hören. Alles ist weit weg, es gibt nur mich, die braunen Felsen, die endlose Weite, die Geier über mir und harten Stein unter mir. Kein Gestern und kein Morgen, nicht mal den nächsten Moment. Nur Hier und Jetzt. Dankbar für den Luxus des Augenblicks.

Dschingis Khan

blickt von seinem Thron streng auf den belebten Platz hinunter. Als wir hier vor gut zwei Wochen ankamen, hatten wir noch Mitleid mit der Braut, die vor den Stufen am Fuße des Denkmals umringt von Familie und Freunden frierend in ihrem schulterfreien Brautkleid stand. Heute leuchtet der Himmel strahlend blau hinter dem Parlamentsgebäude und ich sitze im T-Shirt am Suchbataar-Platz und beobachte das rege Treiben in der warmen Sonne.

Schulmädchen in dunkler Schuluniform mit dem Handy am Ohr, ein paar bleiche Touristen mit Kameras, neben mir auf der Bank lässt sich eine Dame mittleren Alters mit schwerer Einkaufstüte und einer großen Flasche mit milchiger Flüssigkeit nieder. Airag? Die kyrillischen Buchstaben auf dem Etikett geben mir keinen Hinweis auf den Inhalt. Lautstark telefoniert sie mit ihrem Handy, bevor sie sich seufzend wieder erhebt und ihren Weg über den Platz fortsetzt.

Auf den Stufen rund um das Reiterdenkmal in der Mitte das Platzes hat sich die Jugend versammelt, plaudert, lacht, schaut in ihre Handys. Der junge, gutaussehende Mann hinter mir in Jackett und Rollkragenpullover hat wohl das erste Rendezvous mit seiner hübschen Begleiterin. Der Dialog zwischen den beiden scheint sich nur zaghaft zu entwickeln, aber beide lächeln immer wieder verschämt und schauen einander unter dichten, schwarzen Wimpern an.

Daneben sitzt ein altes Männlein in Tracht auf den Stufen, gekrümmt vom Alter, und wird gerade von einer Fotografin abgelichtet. Kurze Zeit später bringt sie ihm als Bezahlung einen vollen Becher von dem Stand mit dem bunten Sonnenschirm, unter dem aus einem kleinen Fass eine undefinierbare Flüssigkeit verkauft wird.

Ein junger Mann spricht lautstark in das Funktelefon, das auf der nächsten Bank von einer fülligen Dame bewacht wird. Nach dem kurzen Gespräch wechseln ein paar Scheine den Besitzer. Auf der Bank sind neben dem Telefon fein säuberlich Kaugummis, kleine Süßigkeiten und Getränkedosen zum Verkauf aufgebaut.

Am anderen Ende des Platzes werden zwei Reihen von viereckigen, weißen Zelten vom Segel des Blue-Sky Hochhauses überragt, dessen verspiegelte Fassade in der Sonne glitzert. In den Zelten wird alles von Schuhen über Kleidung und elektrischen Geräten bis hin zu Lebensmitteln verkauft. Aber um diese Zeit tut sich nicht viel an den Ständen und die Händler sitzen gelangweilt auf ihren kleinen Klappsesseln.

Die Dame mit der Kamera zählt gerade ihr Bündel von Geldscheinen, ein älterer Herr, ebenfalls mit einer Kamera um den Hals, zieht scheinbar ziellos seine Runden über den Platz.

Der Verkehr staut sich dreispurig in den angrenzenden Straßen und in der Ferne, hinter der nächsten Versammlung von Hochhäusern, kann ich Ausläufer der gelben Hügel erkennen. Die Wache vor dem Parlament beobachtet kritisch einen Radfahrer, der sich vor den Stufen zu Dschinghis Khan eine Zigarette anzündet, bevor er gemächlich weiter rollt.

Keine Stadt, die einen mit schönen Fassaden und engen Gassen für sich einnimmt. Eher abweisend mit ihren Plattenbauten und Baustellen für noch mehr Hochhäuser, beherrscht von den breiten Türmen der Kohlekraftwerke, deren Rauchschwaden in der Sonne über den Häusern hängen. Aber lebendig ohne Hektik, spürt man die positive Energie und die Aufbruchsstimmung, die immer noch herrscht. Das macht sie sympathisch, so wie das Lächeln ihrer Bewohner die herbe Schönheit in ihre Gesichter zaubert.

Auf welcher Reise dieser poetische Bericht entstanden ist?

Hier: Zwischen Bergen, Steppen, Taiga und Wüste.

(2016)