Reisebericht: Armenien - Trekking im Land aus Stein

Eher zufällig verschlug es mich nach Armenien – aber wer glaubt schon an den Zufall?

Erst konnte ich mir nicht viel unter diesem kleinen Land im Kaukasus, eingequetscht zwischen der Türkei, Russland, Aserbaidschan, Iran, Georgien und der autonomen Region Bergkarabach, vorstellen. Aber ich wurde auf das Angenehmste von der landschaftlichen Vielfalt und einer sehr eigenständigen Kultur überrascht.

Yerevan empfängt uns mit einer eigenwilligen Mischung aus einfachen Häuschen, Repräsentativbauten aus der Sowjetzeit, vereinzelten Jugendstilfassaden und äußerst modernen Gebäuden. Die brütende Sommerhitze, das überbordende Angebot der kleinen Obst- und Gemüsebuden und die abendlichen Flaneure in den Parks und auf den Plätzen machen es einem schwer, sich vorzustellen, dass im Winter hier bittere Kälte herrscht. Beim Besuch des Nationalmuseums und der Gedenkstätte für den Völkermord am armenischen Volk erhalten wir einen Einblick in die bewegte Geschichte Armeniens.

Beim Abendessen sehen wir junge Leute ausgelassen zu schmalziger Volksmusik tanzen. Unser Reiseleiter vergeht fast, weil die Jugendlichen für seinen Geschmack viel zu kurze Hosen tragen. Wo sind nur ihre guten Sitten geblieben? Ich hingegen schmelze vor Rührung dahin.

Landschaft entdecken und Hirten kennenlernen

In den Geghama-Bergen angelangt, weht uns eine frische Brise um die Nase. Der Großteil des Landes liegt auf einer Höhe von über 1.000 m. Auf unserer Reise geht es meist hoch hinaus. Wir steigen sanft geschwungene Hänge hinauf, die über und über mit duftenden Kräutern und leuchtend bunten Blumen bedeckt sind. Die Kinder der Sommernomaden laufen uns neugierig entgegen. Für’s Erste schlagen wir die Einladung auf einen Kaffee aus, ein paar Tage später lassen wir uns aber fürstlich mit frischem Joghurt und Käse aus Schafsmilch und knusprigem Lavash-Brot bewirten. 

Nebelschwaden umwabern einen alten Friedhof der Jesiden, einer religiösen Minderheit, deren Angehörigen wir noch öfter begegnen werden. Die Sonne ist den Jesiden heilig und so finden sich verschiedene Sonnen-Symbole auf den von Erdbeben schiefgeschüttelten Grabsteinen. 

Am Lagerplatz am Akna-See werden wir mit heißem Tee und Kaffee empfangen und auf dem Gaskocher wird schon ein feines Forellengericht zubereitet. Während köstlicher Duft durch das Messezelt zu ziehen beginnt, spielt die Begleitmannschaft eine Partie Schach. Schließlich ist das hier der Nationalsport und für alle Grundschüler Pflichtfach.

Am nächsten Tag geht es weiter über Blumenwiesen zu unserem ersten Gipfel: Der erloschene Vulkan Ajdahak überrascht uns alle mit einem kreisrunden Kratersee auf luftigen 3.500 m. Unterwegs finden wir kiloweise Champignons, die abends mit Tomaten und Zwiebeln zu einem köstlichen Eintopf verschmelzen. Bärenspuren sehen wir auch, aber das Gegrummel in der Nacht stammt zum Glück nur von Hirtenhunden, denen es bei unserem Lager offenbar gut gefällt.  

Langsam beginnen wir zu vergessen, welchen Wochentag wir gerade haben. Und sind das Steine oder doch Schafe, die in der Ferne wie Tupfen in der Graslandschaft erscheinen?

Leckeres Essen genießen

Nachdem wir nachmittags das Kloster Geghard erreicht und einem Weltklasse-Vokalensemble gelauscht haben, schweben wir beseelt zum Mittagessen. Wir dürfen ausprobieren, im Erdofen Lavash selbst zu backen – gar nicht so einfach, den dünnen Teig in der richtigen Höhe an die heißen Ofenwände zu kleben. Wir spazieren durch den Obstgarten des Restaurants. Pfirsich-, Pflaumen-, Kirsch-, Walnuss- und Aprikosenbäume – ein kleines Paradies. 

An allen großen Durchgangsstraßen sitzen Frauen unter bunten Sonnenschirmen, vor ihnen türmen sich Melonen, getrocknete Kräuter, zu Kränzen geflochtener Sauerampfer, Becherchen mit Maulbeeren, getrocknete Früchte, Honig- und Marmeladengläschen… Vor den verschiedenen Sehenswürdigkeiten wird an einigen wenigen Souvenirständen fleißig an Socken und Handschuhen gestrickt und gehäkelt.

Eindrucksvolle Klosteranlagen besichtigen

In den nächsten Tagen besuchen wir einige der zahlreichen, eindrucksvollen Klosteranlagen, die im ganzen Land verstreut liegen. Unser erfahrener Reiseleiter Samuel (ein studierter Historiker, der überall jemanden zu kennen scheint, mit dem er ein Ständchen für uns singen kann) beantwortet uns geduldig auch die verzwicktesten Fragen in geschliffenem Deutsch. Man spürt, dass es ihm ein großes Anliegen ist, uns die Kultur und Geschichte seines Landes näher zu bringen. Zusammen mit der lokalen Agentur zieht er im Hintergrund die Fäden und organisiert allerhand Kleinigkeiten, die unser Reiseerlebnis abrunden. Geburtstagskuchen, Krankenessen, Alternativen zum Programm – alles kein Problem.

Wir fahren durch karge Steppenlandschaft zu der in einem grünen Talkessel gelegenen Stadt Goris. Kleine Wasserkanäle trennen die Bürgersteige von den Straßen. Abends sitzen Jung und Alt auf den Treppen vor den Türen, halten ein Schwätzchen und genießen die laue Luft. In der Altstadt manövrieren Kinder auf Fahrrädern geschickt um die Kühe und Hunde auf der Straße herum. Hinter den Häusern leuchten die Tuffsteinfelsen im Licht der untergehenden Sonne rosa auf. 

Der nächste Gipfel ruft schon!

Unser Ausgangspunkt für das Trekking auf den Mt. Khustup liegt in der Nähe und zwei Tage später blicken wir nach einem langen Aufstieg von 3.200 m Höhe aus über ein Wolkenmeer bis zur iranischen Grenze! Wieder überrascht uns die unglaubliche Blumenvielfalt an den Berghängen und wir kommen gar nicht mehr aus dem Fotografieren heraus. Weiter geht es durch die schöne Landschaft zum Sevan-See, einem der größten Hochgebirgsseen der Welt. Von dem auf einer Anhöhe gelegenen Kloster Sevan bietet sich ein toller Blick auf das leuchtend blaue, von Bergen umgebene Gewässer. Kleine, helle Sandstrände laden zum Baden im überaus klaren und sauberen Wasser ein (wird natürlich gleich von mir getestet und für erstaunlich warm befunden). Köstlich ist auch das Mittagessen am See: Frische Forelle passt auch nach den vielen kleinen Vorspeisen noch rein. Auch wenn Armenien bei Weitem kein reiches Land ist, am Essen würde hier wohl niemand sparen. Liebevoll zubereitet und raffiniert gewürzt gibt es hier keinen Mangel an Gaumenfreuden, auch nicht während des Trekkings. 

"Armenische Schweiz"

Kleine Wanderungen prägen die nächsten Tage. Durch die waldreiche „armenische Schweiz“, die tatsächlich mit Luftkurorten und Kreditinstituten aufwartet, machen wir uns schließlich auf den Rückweg nach Yerevan. In der Cognac-Fabrik Ararat benebelt uns nicht nur der Duft, sondern auch der bernsteinfarbene Inhalt der Eichenfässer ein wenig die Sinne. Abends machen wir noch einen kleinen Spaziergang zum schicken Platz der Republik. Hier trifft man sich – ein von französischen Chansons untermaltes Springbrunnenspektakel dient als Kulisse für ein Treffen. Anschließend macht man vielleicht noch einen Spaziergang durch die Sommernacht.

Für uns geht es am nächsten Tag früh los auf den 4.006 m hohen Westgipfel des Aragats. Der Aufstieg gestaltet sich bis kurz vor den Gipfel recht angenehm, dann folgen Blockwerk und Geröll. Aber die Anstrengung lohnt sich: Der Ausblick hinunter in den erloschenen Vulkankrater und auf die anderen drei Gipfel des höchsten Berges Armeniens ist atemberaubend („Wie Island, nur ohne Regen“, kommt es mir nicht zum ersten Mal auf dieser Reise in den Sinn).

Wasserpistolen auf dem Fest der Verklärung Christi

Den letzten Tag verbringen wir mit Besichtigungen. Zu Mittag essen wir in einem Restaurant, das von den Kindern und Jugendlichen eines Waisenprojektes betrieben wird. Wir schlendern über einen Flohmarkt, überlegen, ob dieser oder jener bunt gemusterte Kelimteppich nicht doch noch als Handgepäck durchgehen könnte, werden wieder vernünftig und kaufen schließlich doch nur etwas Kleines. Danach werden wir ziemlich nass, denn heute ist das Fest der Verklärung Christi, an dem sich traditionell gegenseitig mit Wasser bespritzt wird. Aus vorbeifahrenden Autos wird mit Wasserpistolen geschossen, Jugendliche mit Eimern lauern an Straßenkreuzungen unaufmerksamen Passanten auf und der große Brunnen auf dem Platz der Republik verwandelt sich in ein Freibad. 

Diese ausgelassene Stimmung, die vielen Begegnungen und die herzliche Gastfreundschaft der Armenier in lebhafter Erinnerung, steigen wir in den Flieger und nehmen Abschied von diesem kleinen, aber ganz großartig vielfältigen Land.

Gerne wären wir noch länger geblieben und hätten das Land aus Stein besser kennengelernt! 

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(2014)