Tibet - Der lange Weg zum Kailash

Tibettour von Lhasa bis zum Kailash & zum Saga-Dawa-Festival im Mai/Juni 2018

Von Kathmandu kommen sie über die Friendship Bridge an der Grenze zwischen Nepal und Tibet, andere kamen von Lhasa über den langen Friedship Highway, der zum heiligen Berg Kailash im Westtibet führt und nun stehen sie da in der Hotellobby in Saga, drängeln sich vor den Aufzügen zu den höheren Etagen, aber nichts geht weiter: „The lift is out of order.“ Die indischen Pilger tragen ockerfarbene T-Shirts mit grüner Aufschrift „Kailash Yantra 2018“. Ein agiler Teilnehmer erklärt: „Wir kommen aus Delhi und sind auf der Pilgerfahrt zum Saga Dawa Fest“. Ihre Trekkingtaschen stapeln sich zu kleinen Pyramiden in der Lobby. Sie sind gut vorbereitet auf dies große Ereignis. Sie haben orangene Fahnen mitgebracht und sogar einen eigenen Koch, der ihre strenge Diät zubereitet. Dann sind hier aber auch die unzähligen buddhistischen Pilger, chinesische und westliche Touristen aus aller Welt.

Unsere kleine Gruppe aus schweizerischen, österreichischen und deutschen Tibetfahrern steckt mitten drin im Pilgerstrom zum Saga Dawa, dem wichtigsten und heiligsten Fest der Buddhisten am 15. Tag des 4. Mondmonats. Geburt, Erleuchtung und Tod des Buddha Shakyamuni werden gefeiert. Aber auch Hindus, Jains, Böns wollen an diesem Großereignis teilnehmen. Also müssen wir bei Unterkunft und Komfort die Ansprüche zurücksetzen und uns Einordnen in den Pilgerstrom. Schließlich ist es ein langer, sehr langer Weg von Lhasa bis zu den heiligen Seen am Kailash, wir werden allerdings mit außergewöhnlichen landschaftlichen und kulturellen Erlebnissen zwischen Himalaya und Transhimalaya auf dem Dach der Welt entlohnt. Derlei Häufung von heiligen Bergen, heiligen Seen, Flüssen mit klangvollen Namen und tiefmystischen Klöstern ist einzigartig.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass während der Kulturrevolution (1966 – 1976) in Tibet 6.000 Klöster zerstört wurden. Die alte, metaphysische Tradition Tibets sollte durch die fortschrittliche Ideologie des Kommunismus ersetzt werden. Die Tibeter wurden zu assimilierten Chinesen erklärt. Ab den 1980er Jahren wurden dann die Klöster fast alle restauriert und wieder eröffnet. Man merke: Das war vor allem die Leistung der einheimischen, tibetischen Bevölkerung. Was der aufgelöste Mönchstand an Kulturgütern während der Kulturrevolution in verborgene Höhlen gerettet hat, kann heute wieder bewundert werden. Es sind wunderbare Statuen und Kultgegenstände deren Entstehung bis ins achte Jahrhundert zurückreicht: eine Quelle originärer Spiritualität, ein überwältigender Kulturschatz, der seinesgleichen sucht.

Dem westlichen Touristen mag die „Spendenfreudigkeit“ der Pilger auffallen, in den Klöstern wird überall Geld gesammelt, den Heiligenstatuen zu Füßen gelegt, aber unter dem enormen Vorhaben, die Klöster wieder zu errichten, bekommt dies Handeln einen anderen Stellenwert und verlangt Anerkennung und Respekt ab.

Der Potala-Palast in Lhasa, hier beginnt jede Tibettour für Flugreisende. Er wurde ausnahmsweise nicht zerstört und gehört heute zum Weltkulturerbe der Menschheit. Wir lauschen einem Guide: „Alte Tibeter weinen, wenn sie vor dem Potala stehen“.“Aber warum?“ „Er hat seine Seele verloren“, und damit meint er, dass der Dalai Lama im Exil lebt. Doch dieser Namen ist hier tabu und wird niemals genannt. Die 999 Räume des Potala sind nur zum Teil zugänglich, die vielen Treppen und Stufen, die schmalen Gänge und die mit schweren, schwarzen Decken verhängten Eingänge, die vielen Säle beleuchtet von tausenden Butterlampen und dann die Pracht der Ausstattung, die Altäre und Statuen vermitteln den ersten Eindruck der Reise, auf die wir uns eingelassen haben: Es ist eine Reise in ein inneres Labyrinth, eine Wallfahrt ins verborgene Ich.

Der heiligste Tempel Tibets ist der Jokhang im Zentrum von Lhasa. Der Barkor, ein Umwandlungsweg (auch Kora genannt) ist Einkaufsstraße und Begegnungsstätte zugleich und umgibt den Tempel. Hier gehen die Pilger den etwa 800 m langen Ritualweg entlang mit ihren Gebetsmühlen, fortwährend das „Om mani pedme hun“ murmelnd. Viele messen die Strecke mit ihrer Körperlänge aus und vollziehen Ergebenheitsgesten und Hinwerfungen. Da sie die Erde mit der Stirne berühren, tragen sie einen Mundschutz, über die Hände habe sie Handschuhe gezogen und den Leib mit einer Schürze umgurtet. Die Hingabe ist beispiellos, wie wir auf unserem langen Weg bis zum Kailash immer wieder sahen. Es sind viele junge Menschen dabei, sie tragen in der Tasche ihre Smartphones und führen das Ritual bis in die Nacht hinein aus.

Wer nach Lhasa mit dem Flugzeug kommt, befindet sich unvermittelt auf einer Höhe von rund 3.700 m. Er hat einen langen Flug hinter sich, zusätzlich muss die Zeitverschiebung verkraftet werden. Wir haben drei Tage Aufenthalt in Lhasa, Zeit um uns zu akklimatisieren und auf die lange Fahrt nach Westtibet einzustimmen. Es sind die wiedererrichteten Klöster von Drepung, Pabonka, Tashi Chuling und Sera , die auf den Berghängen über Lhasa stehen und bis zu einer Höhe von 3.900 m hochführen. Die kurzen Wanderungen bei Tageshitze und das viele Treppensteigen sind für Neuankömmlinge anstrengend. Räucherwerk, Pama genannt, verbreitet seinen aparten Duft. Der intensive Qualm raubt uns den Atem und wir sind froh, auf den Zinnen der Tempel durchatmen zu können. Im Tal liegt Lhasa, eine moderne Stadt mit Hochhäusern, Brücken und regem E-Verkehr. Das hatten wir so nicht erwartet.

Abends im Makye-Ame-Restaurant. Wir stimmen unsere Gaumen ein auf tibetische Speisen. Mit Yakfleisch gefüllte Teigtaschen, viel Tsampa (geröstete Wintergerste), Buttertee, Nudelsuppe und erfahren, dass der 6. Dalai Lama hier verkehrte. Er war ein Freund des angenehmen Lebens. Das gibt es hier auch. Derweil geht unten auf dem Barkor das Gebetsmühlendrehen, Hinwerfen, Mantrasingen weiter und weiter…

“Woher kommt ihr?“ fragte ein älterer Mönch. Als wir ihm geantwortet hatten, hebt er die rechte Handfläche und zeigt die Zunge zum Gruß. Das soll eine besonders höfliche Begrüßung sein, erfuhren wir später.

Freilich gehört zur Vorbereitung des Kailash-Pilgers auch eine Lektion über die fünf Bestattungsarten: die Himmels-, die Feuer-, die Wasser, die Erd- und die Chörtenbestattung. Das ist ein essentieller Bestandteil tibetischer Lebensauffassung, denn in all den Zeremonien geht es um Tod und Wiedergeburt. Insbesondere die Himmelsbestattung ist Teil des Kailash-Mythos. Der Leichenzerteiler zerstückelt den Leichnam in 108 Teile, die werden in den Bergen ausgelegt und von Geiern verzehrt. Die verbliebenen Knochen werden eingesammelt, zerstampft und mit Tsampamehl vermengt, nochmals den Vögeln vorgesetzt, bis nichts mehr übrigbleibt.

Nichts steht mir zu von den irdischen Dingen dafür von den Himmlischen alles, sang der Heilige in den Bergen.

Ein Highlight besonderer Art liegt rund 50 km östlich von Lhasa oberhalb des Kyi-Chu-Tals. Auf 4.300 m schmiegt sich ein Gebäude ans andere wie in einem Amphitheater: Das neu errichtete Kloster Ganden. Die Anhöhe gegenüber der Anlage (4.530 m) ist eingedeckt mit grün-gelb-blau-weiß-roten Gebetsfahnen. Ein Blick ins weit geöffnete Tal wird überwältigt vom Kontrast der grünen Fruchtstreifen entlang des Flusses und den staubtrockenen Berghängen, die auf über 4.000 m rechts und links des Flusstals hochsteigen. Eine eng gewundene Asphaltstraße führt hoch zu den hier lebenden Gelupga-Mönchen. Wir haben Gelegenheit über eine Mauer in den nachmittäglichen Debattierhof zu schauen und der theatralischen Gestik der im Diskurs streitenden Mönche zu folgen. Zur Krönung werden wir noch mit einem Zeichen des Himmels beschenkt: ein Sonnenhalo über dem Kloster, ein wunderschönes Motiv atmosphärischer Optik für unsere begierigen Kameras.

Dann geht es los nach Westen über gut 1.300 km in die entfernteste Ecke Tibets, zu den heiligen Seen Manasarovar und Rakas und dem Eisjuwel Kailash. Zuerst fährt unser Bus über den Kampa La Pass (4.792 m) mit überwältigendem Blick auf den türkisblauen Yamdrok Tso See und auf die ersten Sechstausender Gyetong, Jetung und Jangsang. Weiter südwestlich folgt der Hochpass Karo La (5.039 m) am Fuß des Nojin Gangsang Ri (7.191 m) mit gewaltigen Gletscherabbrüchen. Schnell noch ein Foto neben dem schneeweißen Chörten auf Passhöhe und dann weiter nach Gyantse. Wir unterschreiten ab jetzt nicht mehr die 4.000er Grenze. Das ist kein Vergnügungsausflug und manchem wird es dabei unwohl zu Mute.

Es fehlte uns noch etwas im geistigen Reisegepäck: das Mandala. Die Tibeter haben diagrammartige Meditationsbilder entwickelt als symbolisches Abbild des Universums. Wie Oliver Fülling in seinem sehr informativen Tibet-Führer bemerkt: „Einerseits spiegelt sich in ihm die Struktur der physisch-kosmischen Welt, die als Weltenberg vorgestellt wird; andererseits...die psychisch-geistige Welt des Menschen.“ In Gyatse gibt es ein begehbares 3D Mandala, der Kumbum Chörten. Es ist ein stufenförmiger Bau mit labyrinthischen Gängen auf acht Stockwerke angelegt, eine symbolische Darstellung des Erlösungswegs unter den oben aufgemalten „alles sehenden Augen des Buddha“. Und gleich daneben im Pekor Chöde Kloster ist ein buntes Sandmandala zu bewundern, ein in akribischer Kleinstarbeit von Mönchen aufgestreutes Kunstwerk, das nach dem Zeremoniell allerdings zerstört wird.

Ein Besuch in einem tibetischen Haus. Wir trinken Buttertee und kauen Churra, ein weißes, knochenhartes Käsegebäck. Über dem Türeingang ein Bündel aus weißen Bändern mit einem eingeflochtenen Yakfuß: der Hausschutz. Wir bewundern das zur Schau gestellte Kupferservice für Chang, dem tibetischen Bier. Und dann wieder das Bild der vier chinesischen KP-Vorsitzenden über dem Eingang zum buddhistischen Gebetsraum in einem kleinen Nebenzimmer. Nicht zu übersehen: Auf dem Haus flattert, wie so oft, eine rote Fahne. In Tibet muss manches unter einen Hut gebracht werden. Wir stellen keine Fragen.

„Woher kommst du?“, fragt eine Tibeterin. Sie löst sich aus der einheimischen Pilgergruppe und stürmt auf mich los. „Chen’po! Chen’po!“ ruft sie und umarmt mich so innig, dass ich sie beruhigen muss. Später erfahre ich, dass „chen’po“ auf Tibetisch „älterer Brude“ heißt. Wir sind in der Klosterstadt Tashilhunpo in Shigatse, dem ehemaligen Sitz des Panchen Lama. Die rituelle Umrundung der Klosteranlage (Kora) über die Hügel der Stadt ist die kleine Vorbereitung zur großen Kora am Kailash. Von hier sind es noch rund tausend Kilometer bis zu den heiligen Seen.

Es geht durch Westtibet zuerst entlang am Brahmaputra dessen Quellgebiet in Payang liegt, dann über mehrere Pässe zwischen 4.500 und 5.000 m. Eine weite, öde Hochebene, sandgelb wie Tsampamehl im Tonkrug. Am Horizont schimmern die Berge graphitgrau und darüber wölbt sich ein tiefblauer Himmel mit einsamen schneeweißen Wolken. Ich fühle mich auf „Dem Weg der weißen Wolken“ wie ihn Lama Govinda beschreibt und dieser Weg führt nicht nur in die endlose Ferne, sondern auch nach Innen. Ich fühle mich bescheidener, ruhiger, ehrfurchtsvoller. Ab und an tauchen in dieser Öde wie ein Wunder Yaks, Wildesel, Gazellen auf. Selbst in der größten Trockenheit ist Leben möglich. Und dann erblicke ich die blau-rot blinkenden Augen an den Säulen am Straßenrad und wir erreichen die nächste Polizeikontrolle.

Der Manasarovar See. Zuerst: Eine Enttäuschung, gemessen an der Erwartung von diesem Heiligen der Heiligen. Die Ufer sind mit losem Gestein aufgeschüttet. Die Unterkunft in einer einfachen Anlage: Schimmel an den Wänden, Müll unter dem Bett. Es ist dunkel und die indischen Pilger kauern in Decken gehüllt beim Abendessen im Hof bei surrenden Gasbrennern: Pilgerromantik. Ich nehme mir meine Decke und gehe den See entlang bis zu einer abseits gelegenen Stelle nah dran am Wasser. Eine kalte Brise weht vom See herüber, während ich das Außergewöhnliche des Ortes nachempfinden will. Hier wurde Mahatma Gandhis Asche ausgestreut. Wer weiß, welch Heiliger hier saß in Hoffnung auf Erleuchtung. Es ist Vollmond, Purnima, wie die Hindus sagen. Der Mond spiegelt sich auf der Wasseroberfläche wie der Lichtkegel einer großen Taschenlampe. Ich denke, er blickt in mein Inneres. Irgendwo bellen die Hunde im Hintergrund. Mir wird unwohl bei dem Gedanken an die furchteinflößenden Löwenhunde, die ich vor einigen Tagen bei den Nomaden gesehen habe. Dann geht das Kreischen und Geflatter der Lachmöwen los, die vom hellen Mondlicht geblendet, keine Ruhe finden. Die Kälte dringt durch Decke und Kleidung. Ich breche um Mitternacht meine Betrachtung ab und verkrieche mich in der Baracke in meinen Schlafsack.

 

Tibet Kailash

 

Den ersten Blick auf den Kailash (6.638 m) hatte ich in Darchen, dem Ausgangspunkt der Umrundung (Kora) auf 4.755 m. Hoch über dem kleinen Ort zeichnete sich seine unverkennbare Kontur zwischen den Wolken ab. Himalaya-Experten hatten mich vorgewarnt: „Du wirst nichts vom Kailash sehen. Der ist fast immer von Wolken bedeckt.“ Nichts dergleichen! Ich habe diesen wunderbaren Berg während der Umrundung aus verschiedenen Perspektiven erlebt und war jedes Mal überwältigt von seiner Schönheit.

Saga Dawa, das Vollmondfest geht los. Massen von Pilgern wandern nach Tarboche. Es sind auch viele Touristen dabei. Alle zieht es auf die große Grasfläche, wo der Weltenbaum, geschmückt mit unzähligen Gebetsfahnen, aufgestellt wird. Nach Vorstellung der Buddhisten ist hier das Zentrum der Welt, die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Die Pilger umrunden den Fahnenmast im Uhrzeigersinn, während überall Mantras rezitiert werden, Räucherwerk reichlich abgebrannt wird und die Gebetsmühlen kreisen. Bunte Zettel flattern durch die Luft, es sind Glücksbringer, verziert mit dem Windpferd (Lung-Ta). Dann erschallt aus allen Richtungen das Lha Gyal-lo („Die Götter mögen siegen“), während oben am Himmel eine Drohne das Geschehen verfolgt. Aus allen Teilen Tibets kommen die Pilger, teils mit ihren geschmückten Pferden. Die Topa aus Westtibet, die Khampa aus Osttibet und die Golog aus Nordost. Die jungen Männer der Khampa, schmal und hochgewachsen, tragen langes, blauschwarzes Haar. Mit ihren breitkrempigen Hüten sehen sie richtig verwegen aus. Die Frauen tragen knöchellange, schwarze Chubas und haben eine lange Schürze mit regenbogenfarbenen Querstreifen vorgebunden. Ihren Kopf bedecken sie mit blauen, violetten oder roten Tüchern. Die meisten tragen einen schwarzen Mundschutz wegen der intensiven Höhenstrahlung. Wir sind immerhin auf 4.800 m. Wir fotografieren und werden fotografiert und lassen uns von der feierlichen Stimmung anstecken. Dies Jahr wird ein glückliches Jahr sein. Der Weltenbaum steht im Lot. Er hat sich in keine Richtung geneigt, dank eines LKWs, der bei der Aufrichtung mitgeholfen hat.

Die Kailash Umrundung ist 50 km lang. Wer den heiligen Berg 13 Mal umrundet hat, erhält Zugang zur inneren Kora, zu den 13 Drigung Kagyü Chörten auf 5.859 m Höhe. Für uns ist es freilich die erste Kora. Wir steigen von Tarboche hoch, gehen an einigen Gebetssteinen vorbei, um dann einen steilen Hang ins Tal des Chu Flusses hinabzusteigen. Gleich oberhalb des Tals ist oben in der Felswand das Kloster Chöku Gompa zu sehen. Bald gibt es die erste Einkehrmöglichkeit in einem weißen Pilgerzelt. Nudeln und Fleischpulver aus der Tüte werden mit heißem Wasser in einem Plastiktöpfchen angerührt. Fertig. Wer das nicht mag, trinkt heißes Wasser. In der Höhe und bei Kälte eine Wohltat wie ich feststelle.

Wir laufen auf stetig ansteigendem Weg entlang dem östlichen Ufer des Chu. Das Tal wird enger, der Fluss tost in der Tiefe. Es sind viele Pilger unterwegs. Bis Drira Gompa gibt es drei Aussichtspunkte mit herrlichem Blick auf den schneeglänzenden Kailash. Nach ca. 4 Stunden erreichen wir unsere einfache Unterkunft, ein Hüttencamp (5.130 m) und haben genug Zeit, den heiligen Berg bis zum Sonnenuntergang zu verinnerlichen. Die Hindus murmeln ihre Mantras und berühren in Ehrerbietung Stirn und Herz mit gefalteten Händen. Die Tibeter werfen sich in Hingabe auf die Erde. Wir und eine Gruppe von Franzosen und Russen versuchen ein möglichst günstiges Foto zu schießen. Der Berg leuchtet wie ein Eiskistall in der Sonne. Querläufer durchziehen die Schneewand wie das Streifenmuster auf der Stirne Shivas. Die regelmäßige Struktur fasziniert. Ein Gefühl der Demut kommt auf angesichts dieser Schönheit und Würde des Berges. Der nepalesische Koch neben mir murmelt: „We all follow dharma not dogma.” Mit den letzten Sonnenstrahlen leuchtet ein blassroter Refelx zu uns herüber. Dann ist es still, unsagbar still und wir bereiten uns für den Nachtgang vor.

Um 7:00 Uhr geht’s los. Noch ist es dunkel und kalt. Wir haben die Stirnlampen aufgesetzt. Gleich steigen wir in einen steilen Hang zum Charok Drönkhang. Wir müssen an Höhe gewinnen, denn bis zum Dölma La Pass sind es gut sechshundert Höhenmeter. Es wird schnell hell. Auf der ersten Anhöhe hinter Blockwerk ein weißes Einkehrzelt. Wir wollen aber hoch zum Pass. Gleich rechts der Leichenacker Shiva Tsal. Die Pilger legen hier ein Kleidungsstück, Schuhe oder auch nur ein Haarbüschel ab, um sich des schlechten Karmas zu entledigen. Jetzt geht es steil hoch. Mehrere vorgelagerte Gipfel verdecken die Sicht auf den heiligen Berg von Nord nach Süd. Das letzte Steilstück zum Pass zieht sich hin. Der Weg wird schmaler, steiler und ist vereinst. Pferde rutschen aus und finden mit den blanken Hufen keinen Halt. Die vollgepackten Yaks haben es besser. Langsam aber stetig ziehen sie hoch. Ich versuche es ihnen gleich zu tun. Beim dritten steilen Zwischenanstieg sitzen mehrere Frauen und Kinder am Rand des Pfads. Sie klammern sich ans Eis und schauen mir mit Mitleid entgegen. Ich denke, warum sind sie nicht mit sich und ihrem Aufstieg beschäftigt? Vielleicht denken sie, wer ist dieser Fremde, der von weither gekommen ist und der, so wie wir, die Mühen der Kora auf sich genommen hat? Wir sind uns doch alle wesensverwandt und nur die Kleidung unterscheidet uns wie ein Maskenkostüm. Dann endlich: Die Passhöhe auf 5.660 m. Geschafft! Ich knüpfe die mitgebrachte Gebetsfahne zu den vielen anderen und rufe erleichtert ein “Lha Gyal-lo!“ in den Wind.

Der steile Abstieg bis zu Buddhas Fußabdruck (5.235 m) über Blockwerk, Schneefelder und Löshänge geht schnell vonstatten. Ich sehe noch rechts vom Weg den „See des Mitleids“ von einer weißen Eisschicht bedeckt. Gerne hätte ich mir die Stirne mit seinem Wasser benetzt. Dann erfahren wir, dass unsere Unterkunft in Phuk Gompa belegt ist. Wir beschließen, bis nach Drangser Drangma weiterzugehen und von dort mit dem Bus bis nach Darchen zu fahren. So schaffen wir 28 km der Kora an diesem Tag.

Mit dem Gewinn eines Tages bei der Kailash-Umrundung gönnten wir uns am Folgetag einen Ausflug zu den beiden Seen, Manasarovar und Rakas, in einer überwältigend schönen Landschaft auf über 4.000 Höhenmeter zwischen Gurla Mandhata (7.694 m) und Mount Kailash. Der Rückweg nach Lhasa führte uns schließlich nach Rongbuk, dem höchsten Kloster der Welt, und unter den Mt. Everest. Desgleichen besuchten wir in Samye das älteste Kloster Tibets, ein Juwel der Architektur und Meditation. Aber das ist eine andere Geschichte.

Bericht: Wolfgang Gottschick